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Brillanter Sonderling: Der Historiker und leidenschaftliche Pfeifenraucher Golo Mann (1909-1994).

100. Geburtstag von Golo Mann: Der Geschichten-Erzähler

Der Historiker und Publizist Golo Mann war ein glänzender Erzähler – und ein kauziger Eigenbrötler. Am liebsten wäre er auch Schriftsteller geworden, wie sein übermächtiger Vater Thomas Mann. Seinen Platz in der Welt aber fand Golo nie. Heute vor 100 Jahren wurde er geboren.

Für „underdogs“, wie er Außenseiter nannte, hatte Golo Mann viel übrig – schließlich war er selbst einer, sein Leben lang. Die Vorliebe für Sonderlinge trieb mitunter seltsame Blüten: Ein „underdog“, für den er 1980 kämpfen wollte, war Franz Josef Strauß – ausgerechnet. Der stand damals im Zentrum des Interesses: Er war ja immerhin Kanzlerkandidat der Union. Mann, einst Willy Brandt und der SPD zugetan, passte die Anti-Strauß-Stimmung nicht. Er wollte dem „intellektuellen Terror“ der linken „Schickeria“ trotzen. Also trommelte er für Strauß, aus Solidarität unter „Außenseitern“ sozusagen.

Die Wahlkampfhilfe geriet für Mann zum Superflop. Erst musste er Strauß’ Generalsekretär „Stäuber“ rügen, wie er in Manns Tagebuch hieß, weil der polemisch Nationalsozialisten mit Sozialisten verglich. Dann erschien ein geschnittenes Fernsehgespräch mit Strauß, in dem Mann dem CSU-Chef fast unterwürfig Fragen stellte. Später, in einem Interview, ruderte Mann zurück. Kurz: Er stolperte von einer Panne in die nächste. Am Ende fand er sich an einem vertrauten Ort wieder: zwischen allen Stühlen.

Sein Wort galt etwas in den öffentlichen Debatten

Mann hätte wissen müssen, dass es mit Strauß nicht gutgehen konnte. Schon 1976 hatte er dessen Schwächen in einem Zeitungsartikel klar erfasst: „Es standen zwei Feen an dieser Wiege. Die eine schenkte ihm höchste Intelligenz und stärkste Vitalität, eine seltene Verbindung. Die andere fügte Hochmut dazu, Ungeduld, erratisches Gebaren. Es wird einiges darauf ankommen, ob er gerade diese Neigungen nächstens unter Kontrolle hält und zur Abwechslung mal den Politiker des Augenmaßes spielt.“

Hier, als politischer Kommentator, war Golo Mann in seinem Metier, das lag ihm. Über Jahrzehnte galt sein Wort etwas in den öffentlichen Debatten der alten Bundesrepublik. Zudem war Golo Mann Historiker, ein vielgelesener dazu: Seine 1958 erschienene „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“, eine Art 1000-Seiten-Essay, wurde ein Bestseller, ebenso seine Wallenstein-Biografie (1971), ein erzählerisches Meisterwerk.

Mann hatte ein Talent, das den meisten deutschen Historikern fehlt: Er konnte schreiben. Auch wenn manche seinen Stil als altertümelnden Schwulst abtaten: Was Mann zu sagen hatte, sagte er immer klipp und klar, in kurzen bündigen Sätzen, ohne den modischen Wissenschafts-Jargon. Er hatte Spaß am Erzählen: Während sich seine Kollegen an Strukturen, Prozessen und Theorien ergötzten, berichtete er aus Wallensteins Lager fast so, als wäre er dabei gewesen – wohl wissend, dass er da nicht immer Wissenschaft trieb. Auch in der Historikerzunft stand der Unzeitgemäße daher am Rande. Eine Professur auf Lebenszeit in Stuttgart hatte er 1965 nach vier Jahren aufgegeben, um fortan als freier „Historiker und Schriftsteller“ zu leben.

Heimliches Debüt als Schriftsteller

Schriftsteller und Künstler wie sein Vater Thomas und sein Bruder Klaus – das wäre er am liebsten geworden. Aber er traute sich nicht – obwohl er bereits 1927 unter einem Pseudonym debütierte: In der Erzählung „Vom Leben des Studenten Raimund“ beschrieb Mann mit 18 Jahren seine Nöte, seine erste tiefe Depression, seine in sich gekehrte Homosexualität, die nicht erwiderte Liebe zu Mitschülern im Elite-Internat Salem.

Entdeckt hat den Text der Publizist Tilmann Lahme und in eine schöne Sammlung mit kleinen Werken Manns aufgenommen. Zugleich hat er eine herausragende Biografie Manns vorgelegt. Lahme hat Berge von Material ausgewertet, darunter unzählige Briefe. Er trägt viel Licht in die Winkel von Golo Manns Leben, schreibt mit elegantem Schwung und in einem vorzüglichen Stil. Auf keiner Seite ist das Buch langweilig, an keiner Stelle flach. Kurz: eine Glanzleistung.

Eine „elende Kindheit“ in München (und im Tölzer Landhaus) hatte Golo, der als drittes der sechs Mann-Kinder früh im Abseits stand, mal verschroben grollte, mal liebedienerisch um Zuneigung buhlte. Trotz der Spannungen kam er nicht los von der Familie: Nach 1933 folgte er den Eltern nach Zürich in die Emigration, 1939 in die USA. Nach dem Krieg tastete er sich vorsichtig an Europa heran.

So richtig löste er sich erst mit fast 70 Jahren von der verwitweten Mutter, als er in ein Haus in Icking bei Wolfratshausen zog. Dort wohnte er mit einem jungen Marokkaner als „Diener“, die Nachbarn griffen zum Fernglas. Später verliebte er sich in einen jungen Mexikaner – und lernte Spanisch. 1977 hatte er seinen Lebensgefährten Hans Beck adoptiert. Als Mann 1994 in Leverkusen starb, ließ er sich auf dem Friedhof am Zürichsee bestatten – abseits der väterlichen Familie, aber doch auf demselben Friedhof.

Von Robert Arsenschek

Literatur

Tilmann Lahme: „Golo Mann“, 560 S., 24,95 Euro; Golo Mann: „Man muss über sich selbst schreiben“. Erzählungen, Familienporträts, Essays, hrsg. v. T. Lahme, 288 S., 19,95 Euro (beide S. Fischer)

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