Ausstellung

Traum von der besseren Welt

"Paradies - Neue Blicke auf einen alten Traum" nennt das Diözesanmuseum Freising seine neue Ausstellung. 17 Künstler stellten sich dem schwierigen Thema.

Paradies, das ist laut Bibel der perfekte, friedliche Ort, aus dem Adam und Eva wegen des Sündenfalls vertrieben wurden. Das Paradies verheißt Jesus am Kreuz in der Stunde seines Todes aber auch dem reuigen Schächer. Paradies mal als Vergangenheit, mal als Zukunft - jedoch immer als bessere Welt. Im Freisinger Diözesanmuseum auf dem Domberg hat Kurator Alexander Heisig 17 internationale Künstler eingeladen, auf die Idee "Paradies" zu reagieren. Mit dieser Schau, die sich bis in den Dom und sein Gelände hineinzieht, zeigt Direktorin Sylvia Hahn ihre nach Amtsbeginn erste Präsentation zeitgenössischer Kunst.

Bevor man als Besucher der Exposition den Dom-Komplex mit Nebenkapellen, -kirchen und -gebäuden samt Innenhöfen erreicht hat, befürchtet man: Mit dem Paradies wird’s nix. Im Museum selbst wagt keiner der Künstler, sich ein positives Bild zu machen, den Traum von der besseren Welt zu formulieren. Paradies, das ist vor allem das zerstörte Paradies. Die Sehnsucht nach Harmonie und Heil wird höchstens ironisch verbrämt dargestellt. Der gebürtige Karlsbader Werner Mally schuf zum Beispiel einen luftigen Vorhang aus riesigen Holzschlaufen, der sich über zwei Stockwerke der imposanten Museums-Vorhalle ergießt. Grundmaterial dieser Schönheit - ein zersägter Gebrauchsgegenstand: ein Stuhl. Solch eine Verwandlung - diesmal geht’s um Plastikstühle - bietet auch die Gruppe Empfangshalle ( Corbinian Böhm, Michael Gruber). Die weißen Sesselchen bilden eine gigantische Gloriole oder einen Rosenkranz, durch die eine etwas süßliche "Himmelfahrt Mariä" aus dem 19. Jahrhundert zu sehen ist. Beide Werke arbeiten im Übrigen gekonnt mit den Räumlichkeiten.

Ist hier noch Heiterkeit erlaubt, mahnen die anderen Künstler eher in Vanitas-Manier. Motiv Vergänglichkeit: Das Lichtermeer im Spiegel-Häuschen dürfen wir nicht sehen, nur die Videokameras (Installation von Till Schilling). Die grüne Landschaft ist zerbrochen und zerschnipselt (Skulptur von Wolfgang Stehle). Die Zeit tickt unaufhaltsam weiter, auch wenn das Zifferblatt verräumt ist (Installation von Benjamin Bergmann). Und auf Roland Stratmanns Zeichnungen "verfault" das Paradies schnell. Susanne Wagner schildert in einem exzellenten Video ausdrücklich diese Mahn-Haltung. Eine Radlerin begegnet unter einer Autobahnbrücke in einer Art Vision - raffiniert gemacht - einem Bußprediger. Von seinen Schimpf-Litaneien wendet sie sich jedoch bald ab. Ähnlich erginge es dem Betrachter, wenn nicht die Vielfalt der Kunstwerke ihren Reiz - abseits von allem Zeigefinger-Gewackle - entfalten würde.

Einige Künstler können gar nichts mit dem Ausstellungsthema anfangen, andere retten sich in Sozialkritik. Paradies existiert nur mehr als "Dulux Paradise Green" auf einer Containerwand (Installation des Engländers Tim Bennett). Das blanke Gegenteil von Paradies formuliert der Mailänder Davide Cantoni mit seinen Flüchtlingsbildern, die er mit Lupe und Sonnenstrahlen ins Papier gebrannt hat.

Sehnsuchts-Mut aufs Paradies haben nur Hermann Pitz, Daniel Bräg und Kathrin Thalmann. Mit einem riesigen, hohen, schlichten Tisch im wunderbaren gotischen Raum der Johnneskapelle macht Pitz schlagartig die Verheißung der Eucharistie fühlbar. Hier ist Christus unter uns. Einfach schön ist Brägs weißer Turm aus Sandsäcken im gepflanzten grünen Kreuz eines Dom-Gärtchens - ein kleines Paradies-Vorgefühl.

Das schenkt uns auch Thalmann. Sie schmückt das Tympanon (halbrundes Feld über dem Türsturz) des romanischen Dom-Portals mit ihrem Video "Haec est domus domini" (das ist das Haus des Herrn). Durch diesen Eingang in der Vorhalle gelangt man in das eigentliche Kirchenschiff. Das mittelalterliche Steintor öffnet sich in den lichten Rokoko-Innenraum der Gebrüder Asam. Dieses optische Paradies zieht Thalmann durch ihre Videobilder nach außen ins Tympanon, wo plötzlich die zarten Ornamente von drinnen erscheinen. Die wechseln sich mit Aufnahmen von Efeu (Symbol für ewiges Leben und Treue) und einem alten, zärtlichen Paar ab.

Mag mancher die Nase rümpfen über so viel Hoffnung auf eine bessere Welt, über ein wenig Kitsch womöglich, dennoch sind diese drei Werke schwerwiegender und tapferer: weil sie dem Thema Paradies nicht ausweichen und sogar Spott riskieren.

Simone Dattenberger

17. März bis 28. Juni
Di.-So. 10-17 Uhr, Tel. 08161/48 790; Katalog, Deutscher Kunstverlag: 29 Euro.

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