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„Ich bin romantisch“, sagt Benjamin Grund, „ohne den Sinn für die Realität zu verlieren.“ Sympathisch!

Benjamin Grund: der Domspatz, der von Liebe singt

Er ist 28, mit einer famosen Tenorstimme gesegnet – und hofft zum dritten Mal auf einen Erfolg beim „Grand Prix der Volksmusik“: der Münchner Benjamin Grund. Mit uns sprach er über Singen und Motorradfahren, Romantik und Realität.

Schwarzes T-Shirt, dicke Turnschuhe, fester Händedruck: Man könnte meinen, Benjamin Grund wolle nachher noch zu einem Hip-Hop-Konzert gehen, oder Heavy Metal, irgendwas. Aber dann sind da diese warme Stimme, sein einnehmendes Lächeln und seine formvollendeten Manieren: einem die Jacke abzunehmen, die Tür aufzuhalten. Das passt nicht zu harter Musik. Und auch nicht unbedingt zu dem Motorrad-Fan, der er wirklich ist. Nein, irgendwie stecken in Grund auch der Tölzer Chorknabe und der Regensburger Domspatz, was er beides war – und der Tenor-Sänger volkstümlicher Musik, der er ist: einer, der einfach gern singt. Weil „bei der Musik das Herz dabei“ ist, wie er sagt.

Vorsicht: Grund mag weder Hip-Hop noch Metal. Er höre Klassik, Schlager, Filmmusik, aktuellen Poprock. Aber nach Meinung einiger seiner Freunde sollte er vielleicht zu härteren Bandagen greifen. „Da muss ich mich oft rechtfertigen, warum ich Volksmusik mache“, sagt er. So spiegelt sich an ihm das Dilemma vieler Nachwuchs-Schlagersänger: Sie mögen eine Musik, die kein gutes Ansehen hat, die von den meisten Jüngeren geschmäht wird und der auch das Fernsehen gerade die Plattformen schmälert.

„Aber was ist denn schlecht an heiler Welt?“, fragt er, und es klingt ein bisschen unglücklich, so, als hätte er das schon hundertmal gefragt und nie eine Antwort bekommen. „Was ist so schlecht an Liebe, an Zuneigung?“ Nichts, natürlich. Diese Art von volkstümlicher Musik ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber darum geht es ihm nicht, sondern um Vorurteile: um Leute, die Chansons, Eros Ramazzotti und amerikanischen Folk schätzen und sogar Wiesn-Hits mitsingen können – die aber Volksmusik zurückweisen. Grund versteht das nicht. „Mein Opa hat immer gesagt: Es gibt keine richtige und falsche Musik, es gibt nur gute und schlechte Ausführungen.“

Sein Großvater war Film- und Fernsehkomponist, er schrieb die Musik zu Produktionen wie „Funkstreife Isar 12“ oder „Gullivers Reisen“. Und der Enkel gehört eindeutig zu den gut ausführenden Künstlern, weil er eine glockenklare, kräftige Stimme hat, mit der er seine selbstkomponierten Stücke wunderbar zum Klingen bringt. Die meisten Texte stammen von Heiner Graf , der für ihn zum engen Vertrauten geworden ist.

Mit der Sängerkarriere ging es bei Grund im Grunde los, als seine Oma den Sechsjährigen im Tölzer Knabenchor anmeldete. Mit elf wechselte er zu den Regensburger Domspatzen, wo er bei Georg Ratzinger sang und eine Solistenausbildung erhielt. Bei einem Auftritt entdeckte ihn der Moderator Enrico de Paruta. Er verpflichtete ihn 1998 als Solist fürs „Münchner Weihnachtssingen“ und die Tourneen mit der „Heiligen Nacht“. Noch heute ist Grund jährlich mit dabei – obwohl er längst andere Erfolge feiert.

Zur Volksmusik brachte ihn Günther Behrle , einer der bekanntesten Texter der Branche, der einst Lieder für Peter Alexander schrieb wie auch den Riesenhit „Patrona Bavariae“. Er produzierte „Die erste Liebe, die ersten roten Rosen“ für Grund, der damit 2000 am Volksmusik-Grand-Prix teilnahm und 2001 die „Volkstümliche Hitparade“ von Carolin Reiber gewann.

Dann kam der Zivildienst. „Der hat mich ein bisserl aus der Erfolgswelle rausgerissen“, sagt Grund. Er arbeitete im Altenheim , „das hat mich geprägt. So viele liebe Leute, die von einem gehen.“ In jener Zeit begann er auch zu komponieren. Wie sein Opa? „Naja, ich wollte zumindest neben seinen großen Fußstapfen ein paar kleine Spuren hinterlassen“, sagt er bescheiden.

Er selbst würde es eher realistisch nennen. Ob er nicht gern mal Musical singen würde? Neulich habe er sich das „Tarzan“-Musical in Hamburg angeschaut, erzählt er. „Sowas wäre schon super zu singen, aber mir fehlt das Tänzerische. Und die Form, mich von Liane zu Liane zu schwingen.“ Er lacht. Und meint: „Da bin ich doch zu sehr Realist.“

Aber auch ein Romantiker. Einer, der im Januar auf Mallorca wandern geht und einsam am Strand steht und singt, „während die Möwen zwitschern“. Er stutzt. „Zwitschern die? Nein, sie kreischen.“ Er sei schon romantisch, sagt er, „aber ohne den Sinn für die Realität zu verlieren“. Er grinst. Der Satz sitzt.

Und weil er ganz realistisch Geld zum Leben braucht, weil die Honorare aus Tourneen und TV-Terminen momentan nicht ausreichen, arbeitet er hauptberuflich in einem Fachhandel für Motorradbekleidung in Milbertshofen. Nicht abwegig für einen, der passioniert Motorrad fährt. „Obwohl oft Freunde schwere Unfälle haben“, sagt er. Und obwohl er sich gerade bei diesem Hobby in Kreisen aufhält, „für die das mit der Volksmusik nicht zusammenpasst“.

Aber er hat sich ans Erklären gewöhnt, wie seine Bekannten an seine vermeintlich widersprüchlichen Interessen. Und so singt er mit ebenso viel Leidenschaft, wie er über die Landstraßen heizt, Stücke wie „Wenn mein Lied erklingt“. Mit diesem ersten selbstkomponierten Werk trat er 2004 beim Grand Prix an. Und er fragte eine Plattenfirma nach einem Vertrag. „Man muss sich selber ins Zeug legen“, sagt er. Und ahmt den Ötztaler Dialekt der Plattenbosse nach: „,Wenn’s nix wird, dann müssen wir Sie in die Tonne treten‘ – das haben die gesagt.“ 2004 erschien sein Album „Ich hab’ mich ganz leis’ in dich verliebt“, 2008 „Ohne deine Zärtlichkeit“. Bis heute ist er bei MCP unter Vertrag.

Nun hofft er auf diesen Donnerstag, auf seinen dritten Grand Prix. „Einmal ins Finale, das wär’ mein Traum.“ Im Titel „In nomine patris“ singt er, wie Gott alles beschützt. „Ich wollte mal was anderes singen als über Liebe, gerade in Krisenzeiten“, sagt er. „Und mal über den lieben Gott und nicht die Patrona Bavariae.“ Und dann erzählt er, dass er „sehr gläubig“ sei und dass er, eigentlich Protestant, vor zwei Jahren zum Katholizismus konvertierte. Nachdem er so lange bei den Domspatzen und der „Heiligen Nacht“ mitgemacht habe, sei das „nur recht und billig“ gewesen.

Die Idee zu „In nomine patris“ kam ihm, als er ein Musical-Plakat des Deutschen Theaters sah. Gleich habe er eine Melodie im Kopf gehabt und in sein Handy gesungen. „Da schauen die Leute schon komisch“, lacht er. Wie auch der Typ neben ihm im Auto an der Ampel, als Grund sein neues Lied sang, mit ausladenden Handbewegungen.

„Genau so“, demonstriert er, als wir in seinem Wagen sitzen und er mit der Hand nach vorne geht. „In nomine patris“ läuft nur als Instrumentalspur, und Grund singt dazu, einfach so, ohne Hemmungen, mit viel Herz, am Steuer mitten auf der Goethestraße. Er könnte überzeugen beim Grand Prix. Verdient hat er es.

Von Christine Ulrich

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