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Tote Hosen Frontmann Campino

Campino im Interview: „Das macht die Knochen weich“

München - Campino, Frontmann der Toten Hosen, über die Begeisterung der Argentinier und die Lockerheit der Biermösl Blosn.

Die Toten Hosen starten gerade in die zweite Runde ihrer „Machmalauter“-Tour, die sie am 12. August nach Übersee am Chiemsee führt (Karten: 38 Euro, Telefon: 0180/54 81 81 81). An einem sonnigen Tag sitzt Sänger Campino auf dem Wohnungsbalkon seiner Agentin, in einem Mehrfamilienhaus in der Nähe des Münchner Rotkreuzplatzes. Bei Erdbeeren und Schokokeksen erzählt er von der Seelenverwandtschaft der Toten Hosen mit der Biermösl Blosn und schwärmt vom argentinischen Publikum.

Sie starten mit den Toten Hosen den zweiten Teil Ihrer Tour. Viele Konzerte sind ausverkauft, für einige gibt es noch Karten. Spüren die Toten Hosen die Wirtschaftskrise?

Die spüre ich insofern, als ich auch hier lebe, Nachrichten schaue und mit Leuten rede. Die Sorgen, wie sich das weiterentwickelt, die teilen wir genauso wie alle anderen. Wenn du mich fragst, ob sich das auf unsere Zuschauerzahlen ausgewirkt hätte, muss ich sagen: Kann ich nicht feststellen – Gott sei dank.

Warum geben die Leute ihr Geld so gern für Konzerte aus?

Ein Konzert ist immer noch der Beweis für etwas Handgemachtes ohne doppelten Boden. Ich weiß nicht, ob ich für alle Konzerte sprechen kann, aber die Festivals laufen auf jeden Fall sehr gut. Vielleicht ist das auch ein Ausdruck der Krise, weil man für das Geld ja relativ viel zu sehen bekommt. Was uns als Band angeht, freue ich mich unheimlich, dass die Leute die neuen Lieder genauso mögen wie die alten. Anscheinend haben unsere Aussagen immer noch eine Relevanz für die Leute. Aber ich will nicht zu sehr analysieren, warum die Situation ist, wie sie ist, weil ich dann Gefahr laufe, eine Erwartungshaltung bedienen zu wollen. Das kann ja nicht der Sinn des Daseins als Künstler sein.

Sie sind mit den Toten Hosen seit 27 Jahren unterwegs. Allein dieses Jahr sind 60 Konzerte geplant. Langweilen Sie sich manchmal auf der Bühne?

Wir sehen schon zu, dass wir das so dosieren, dass wir immer noch hungrig bleiben. Es kann nicht jeder Abend ein Volltreffer sein. Wenn du irgendwo einen Höhepunkt ausmachen kannst, dann bedeutet das auch, dass du die Tiefpunkte erkennen kannst. Irgendwann, wenn dir die Müdigkeit in den Knochen steckt, fängt es an, ein Ritt aufs Ankommen zu werden, dann ist das kein pures Vergnügen mehr. Aber wichtig ist der Überblick: Hat einem die gesamte Tour Spaß gemacht?

Sie spielen jetzt wieder mit der Biermösl Blosn im Wiener Burgtheater. Brauchen Sie solche außergewöhnlichen Auftritte, um sich für normale Konzerte zu motivieren?

Der Intendant des Burgtheaters Klaus Bachler, der die Burg nach zehn Jahren verlassen wird, hat für sich selber eine kleine Wunschliste zurechtgelegt, welchen Event er gerne noch mal sehen würde. Insofern ist es uns eine Ehre, dort die Freundschaft mit der Biermösl Blosn noch mal zu zelebrieren. Die Biermösl Blosn hat eine gute Distanz zu dem, was sie da auf der Bühne macht. Das bekommt sowas Spielerisches, das uns manchmal abgeht, wenn wir allein sind. Diese Lockerheit ist sehr schön, und von der zehren wir dann auch immer eine Weile.

Wie passen die Volksmusik der Biermösl Blosn und der Rock der Toten Hosen zusammen?

Das ist nur auf den ersten Blick ein Gegensatz. Schaut man sich die Texte an, kann man im Humor eine Seelenverwandtschaft feststellen. Dass man kantig ist, dass man sich durchaus auch mit den Obrigkeiten anlegt. Obwohl es eigentlich nicht darum geht zu provozieren, man geht der Sache halt nicht aus dem Weg.

Ein Kabarettabend mit den Toten Hosen?

Humor hatten wir immer schon, da liegen wir einfach auf einer Linie mit der Biermösl Blosn. Gleichzeitig sind das unglaublich gute Musiker. Wir sind schon seit 1984 befreundet. Traditionell treffen wir uns höchstens zwei, drei Tage vor so einem Auftritt und besprechen dann, was zu geschehen hat. Normalerweise ist Gerhard (Polt) immer dabei, der das Ganze zusammenschustert und -schraubt. Der fehlt diesmal, deshalb wird das Gewicht deutlich auf der Musik liegen. Eine Absprache gibt es: Wir werden alle unplugged auftauchen, es wird also nicht, was wir sonst immer gemacht haben, ein Duell der Gitarrenverstärker gegen Filigranität geben. Aber wir bringen Funny van Dannen mit, einen hervorragenden Alleinunterhalter. Wir greifen sozusagen mit drei Stürmern an, und hinten steht niemand im Tor . Es wird also im Hurra-Stil abgehen!

Sie waren gerade für zwei Konzerte in Buenos Aires . Wie erklären Sie sich die Beliebtheit der Toten Hosen in Argentinien?

Man muss in Argentinien nicht erst Coolness beweisen, um angenommen zu werden. Die sagen: Toll, die Hosen vergessen uns nicht. Die Argentinier nehmen vieles persönlich. Die empfinden das als große Freude, dass uns das Leben dort so viel Spaß macht. Ich habe mal erlebt, dass Metallica dort ein Konzert abgesagt haben. Da waren sie persönlich beleidigt. Da hieß es: Überall kann diese Band spielen, aber für uns sind sie irgendwie zu ausgebrannt. Die Leute waren sauer. Man macht auch – das habe ich leider viel zu spät kapiert – keine Witze über Diego Maradona. Das hab’ ich jahrelang getan und mich immer gewundert, warum das nicht enthusiastische Reaktionen hervorruft.

Sie schwärmen immer von den Konzerten in Argentinien. Was macht für Sie den Unterschied aus zwischen einem Abend in Buenos Aires und einem Konzert zum Beispiel am Chiemsee ?

Bei aller Schwärmerei: Unsere Wurzeln und all das, was uns ausmacht und am Laufen hält, liegen hier. Aber: Wenn du in Argentinien spielst, singen die Leute wie aus einem Mund mit, obwohl das gar nicht ihre Sprache ist. Sie können jedes Wort und auch jedes Gitarrensolo nachsingen und sind dabei teilweise lauter als die Band. Das macht dich weich in den Knochen, wenn du rausgehst und ein Brett servieren willst, und plötzlich werden die lauter als du. Es ist eine unglaubliche Energie und Lebensfreude, die die Leute da zurückschmeißen. Das ist ein Haifischbecken, das Publikum ist wild und ruppig, und es tanzt und lacht und ist einfach körperlicher als hier.

Sie haben gerade die argentinische Version Ihres aktuellen Albums unter dem Namen „La Hermandad“ (Die Bruderschaft) auch in Deutschland veröffentlicht. Auffällig ist, dass die leiseren Stücke ersetzt wurden. Mögen die Argentinier nur die harten, lauten Hosen?

Ja. Wir haben da eine etwas andere Stellung. Da sind wir noch deutlich stärker im Underground-Bereich angesiedelt. Die sehen uns dort als eine nicht besonders häufig im Radio gespielte Band mit politischen Inhalten, die auch relativ kompromisslos ein Brett fahren kann. Ich denke, die Argentinier wären auch für ruhige Nummern zu haben, aber so weit reicht der Sprachschatz nicht, dass sie die Feinheiten und Gemeinheiten und Ironien vestehen. Deshalb wäre es eine Geduldsprobe, dort ein ruhiges Fünfminutenlied zu spielen. Dafür kommen sie nicht. Die wollen Dampf ablassen, und wir servieren den Dampf auch gern.

Bis Ende 2009 sind noch Konzerte in Deutschland geplant. Nach der letzten Tour haben die Toten Hosen zwei Jahre Pause gemacht, Sie haben für Wim Wenders’ „Palermo Shooting“ vor der Kamera gestanden. Wie geht es nach dieser Tour weiter?

Das lassen wir auf uns zukommen. Eventuell gehen wir nächstes Jahr noch mal nach Südamerika. Es gibt wirre Planungen, in der Antarktis zu spielen oder in Aserbaidschan. Zur Zeit haben wir so eine Reiselust, dass wir alles versuchen, noch den einen oder anderen extremen Ort zu packen. Wir basteln daran. Ansonsten wird es ganz ruhig zugehen. Nach einem Jahr intensiven Tourens ist jeder bemüht, sich in der Familie mal wieder blicken zu lassen. Ich habe mein Leben lang nie große Pläne geschmiedet und bin mir sicher, dass wir uns nicht langweilen werden nächstes Jahr – ohne genau zu wissen, was kommt.

Das Interview führte Philipp Vetter.

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