Holger Seitz’ Inszenierung der „Piraten von Penzance“

Charme, Witz und Ironie

Ein Griff in die Spielzeugkiste und schwups stehen sie da: „Die Piraten von Penzance“. Eine schräge Playmobil-Bande, die bereits während der Ouvertüre kurz zum Leben erwacht.

Der Schmetterlingsfänger, der Teetrinker, der Zigarrenraucher, der Kricketspieler, der Strickende, der Zeitungsleser, der Maler, der Yoga-Jünger – lauter spleenige Lords (denn als solche entpuppen sie sich zuletzt) erholen sich im „Club“ zwischen den Klippen, wenn sie nicht gerade auf ihrer abgetakelten „Iron Lady“ die Meere unsicher machen. Denn sie alle segeln unter der Piratenflagge, die auch das Münchner Gärtnerplatztheater gehisst hat. Dort nämlich hatte am Freitag die Operette „Die Piraten von Penzance oder der Sklave der Pflicht“ von Gilbert und Sullivan Premiere und versetzte das Publikum in Hochstimmung.

Wo anfangen, wenn nahezu alles stimmt und eine Produktion so rund ist und so königlich unterhält? Zunächst einmal beim britischen Erfolgsgespann, bei Arthur Sullivan, dem Komponisten, und William Schwenck Gilbert, dem Librettisten. Ihre Ende des 19. Jahrhunderts, also zur „Fledermaus“-Zeit entstandenen (14) Operetten wurden Dauerbrenner im angelsächsischen Raum und brummten am Broadway. Hierzulande kennt man sie kaum. Das könnte sich nach dem Bombenerfolg am Gärtnerplatztheater, das mit den „Piraten“ eine Münchner Erstaufführung wagte, vielleicht ändern. Zumal das musikalische Idiom so einschmeichelnd ist und der Opernfreund viel Bekanntes heraushört. Dabei bleibt Sullivan originell, zitiert nicht „wörtlich“, bedient sich aber – ironisch zwinkernd – stilistisch quer durchs Repertoire: von Händels Oratorienklängen über Verdis Gebetschöre und Lortzings lyrischen Liebes-Ton bis hin zu Offenbachs frechen Couplets.

Diese hinreißende Mischung aus Charme, Witz und Ironie versorgt Gilbert mit „tieferer“ Bedeutung. Er würzt das Ganze mit Spott über Militär und Polizei, über absurdes Pflichtbewusstsein und Waisen-Mitleid. Selbst wer zunächst befürchtete, dass die deutsche Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Fassung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting dem Witz den Garaus machen würde, erlebte eine Überraschung. Denn Holger Seitz’ luftig-leichte Inszenierung half jedem öden Vers auf die Spitze. Er, Bühnenbildner Herbert Buckmiller, Kostümbildner Götz Lanzelot Fischer und Choreographin Fiona Copley zauberten ein szenisches „Gesamtkunstwerk“ auf die Bühne, mit dem Anthony Bramalls musikalisch-duftige Feinzeichnung vortrefflich korrespondierte.

Mit viel Gespür für den rhythmischen Pep wie für die weiche Kantilene, fürs zungenbrecherische Parlando wie für die dramatisch aufgeplusterten Posen lenkte der Brite das Orchester durchs musikalische Neuland. Die Sänger begleitete er so delikat, dass viel Text zu verstehen war. Auch wenn die Herren gesanglich vorne lagen, erfreuten die Mädels als aufgescheucht gackernde Schar im properen Matrosenkleid wie in der nächtlichen Weißwäsche. Robert Sellier nahm es als tumber Tor Frederic mit der Pflicht übergenau. Schwankend zwischen Freibeuter und Ehrenmann, eroberte er mit feschem Tenor die Majorstochter Mabel, die Thérèse Wincent temperamentvoll in hörbar heikle Diven-Koloraturen trieb. Komik vom Feinsten servierten Gunter Sonneson als verschrobener, flinkzüngiger Generalmajor und Martin Hausberg, der als Polizist mit todernster Miene und furchtsamer Bobby-Truppe „auf in den Kampf“ zog. Das Publikum quietschte vor Vergnügen. Holger Ohlmann imponierte als Piratenkönig, und Rita Kapfhammer sang eine Ruth mit perfektem „ti-aedsch“.

Holger Seitz nahm seinen Sängern jede Schwere: Ob sie albern herumhüpften, theatralisch gestikulierten oder ehrlich liebten – die Balance stimmte stets. Auch bei den Gags und im Detail. Das Tässchen Tee wird nicht zu oft gereicht, und der Union Jack, die britische Flagge, nur einmal entrollt – bekleckert von Möwen. Wer mehr erfahren will, dem hilft nur eines: auf zu den Piraten! Am Gärtnerplatz weht ihre Fahne.

von Gabriele Luster

Nächste Aufführungen:

 

19., 27. Mai, Telefon 089/ 21 85 19 60.

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