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Anna Netrebko (l.)meldete sich mit Donizettis „Lucia di Lammermoor“ zurück – an der Seite anderer Tenorpartner. Rolando Villazón (r.) experimentiert mit Händel – und bräuchte dringend einen stimmlichen Neuaufbau.

Das Ende eines Traumpaares

Anna Netrebko feiert Comeback nach der Babypause – Rolando Villazón findet nicht aus der Krise heraus

Die Schmachtpartner heißen jetzt Joseph Calleja oder Piotr Beczala. Oder, wie gerade an der Wiener Staatsoper in der 147. Aufführung der Reste von Boleslav Barlogs „Lucia die Lammermoor“-Inszenierung, Giuseppe Filianoti. Was den Vorteil hat, dass die Herren Tenöre zwar unfallfrei durch den Abend kommen und folglich das Zuhören erleichtern. Aber das Prickeln ist weg. Jene elektrisierenden Schwingungen aus einer Zeit, als alle Welt einem Mexikaner und einer Russin als ultimativer Verkörperung von Roméo/ Juliette oder Alfredo/ Violetta zu Füßen lag.

Anna Netrebko ist also nach der Babypause wieder da, vokal ausgeruht, im Klang noch etwas dunkler, gerundeter. Doch spätestens seit dem New Yorker Aussetzer vor einigen Wochen, als Rolando Villazón im ersten „Lucia“-Finale die Stimme wegbrach und 4000 Met-Besucher eine fünfsekündige Schreckpause erlebten, ist die gemeinsame Zeit hinüber. Abgeschlossene Aufnahmen und gemeinsame Pläne mögen, wie erzählt wird, bei Plattenfirma und Agentur in den Giftschränken schlummern. Doch Traumpaar war gestern. Aus, vorbei.

Gerade am eben noch himmelhoch verehrten Duo zeigt sich, wie schnelllebig das Klassikgeschäft geworden ist. Und wie grausam. Denn Villazóns Händel-CD, zurzeit heftig beworben bis zum „Wetten, dass“-Auftritt, musste wohl auf den Markt, koste es, was es wolle. Dabei ist die Absicht durchaus ehrenwert: Für Villazón, der sich zuletzt mit seinen italienischen und französischen Glanzpartien mühte und eine Zwangspause einlegte, könnte sich im Barock durchaus ein neues Betätigungsfeld eröffnen. Ohne Dauer-Druck, ohne effektvoll aufgerissene Töne.

Doch die Arien aus „Tamerlano“ über „Serse“ bis „Rodelinda“, oft in risikoarme Baritonlage hinuntertransponiert, lassen einen verzweifeln. Beim wohl sympathischsten, intelligentesten Stilisten unter den Gegenwartstenören ist da zu erleben, wie seine Stimme jeglichen Glanz, jeglichen Kern eingebüßt hat. Eine wie entleerte Stimme, die zwar überraschend gut durch Koloraturen eilt, aber dennoch unüberhörbar nach einem Neuaufbau ruft, an dessen Ende – man hofft es von Herzen – tatsächlich einmal Händels Bajazet oder Mozarts Idomeneo stehen könnten.

Immerhin eines verbindet den Mexikaner noch mit seiner Bühnen-Ex – Anna Netrebko ist ebenfalls auf der Suche. Die gerade veröffentlichte Einspielung von Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“, auch die Wiener Serie von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ verraten ihre Selbsteinschätzung: Die Russin hält sich für einen Belcanto-Sopran. Doch nicht nur die CD, wo sie von Elina Garanca und Joseph Calleja überflügelt wird, auch die Wiener Live-Auftritte liefern Gegenargumente.

Für die großen Koloratur-Tragödinnen sind die maximal zweieinhalb Farben von Anna Netrebkos Sopran, die nur angetäuschten Triller und braven Kadenzen einfach zu wenig. Wo Kolleginnen mit der Partie förmlich spielen, den Zierrat als dramatisches Mittel einsetzen und verdeutlichen, dass Belcanto auch Existenzielles bedeutet, singt die Netrebko – zwar klangschön und höhensicher – lediglich an der Partitur entlang. Lucias Wahnsinn teilt sich in Wien nur ansatzweise mit, woran Barlogs Uralt-Regie und der kundig taktierende Marco Armiliato nicht die Hauptschuld tragen. Das scheue Lächeln der Netrebko beim Beifall, auch das verschämte Schulterzucken künden nicht gerade von hundertprozentiger Zufriedenheit, mögen die Digitalkameras im Parkett auch noch so blitzen.

Dabei hat Anna Netrebko ja längst vorgeführt, wo ihre Domänen liegen. Im russischen Repertoire oder bei ihrer derzeit besten Partie, bei Puccinis „Bohème“-Mimì, die sie auch im Mai an der Bayerischen Staatsoper singen wird. Bei einem Werk also, in dem sie ihrem früheren Traumpartner irgendwann wieder begegnen könnte, auf dass die PR-Maschine wieder spektakeln darf. Zu wünschen wäre es. Beiden.

CD-Neuerscheinungen

Vincenzo Bellini: „I Capuleti e i Montecchi“. Wiener Symphoniker, Fabio Luisi; Georg Friedrich Händel: Arien. Rolando Villazón, Gabrieli Players, Paul McCreesh (beides Deutsche Grammophon).

von Markus Thiel

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