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„Das andere Temperament ergänzt einen“: Das Schauspielerpaar Franziska Walser und Edgar Selge hat zusammen die „Duineser Elegien“ von Rainer Maria Rilke erarbeitet.

Franziska Walser und Edgar Selge im Interview

Franziska Walser und Edgar Selge über ihre neue Lesung von Rilkes „Duineser Elegien“ im Residenztheater.

Lange hat man sie auf den Münchner Bühnen vermisst: Franziska Walser und Edgar Selge. Fast wäre es zu einem Wiedersehen mit der Schauspielerin gekommen, aber das Residenztheater-Projekt „Das Haus der Bernarda Alba“ mit ihr in der Titelrolle platzte. Nun aber wird das Künstlerpaar, das in München wohnt, aber viel zu Dreharbeiten und Bühnenauftritten unterwegs ist, am 2. Juni im Marstall Rainer Maria Rilkes zehnteiligen Zyklus „Duineser Elegien“ (1912/1922) unter dem Titel „Jeder Engel ist schrecklich“ vorstellen. Abwechselnd sprechen Selge, der sich schon vor zehn Jahren mit den Elegien befasst hat, und Walser die Gedichte. Im Herbst sind weitere Auftritte geplant. Außerdem eine Tour, die auch zum Schloss Duino bei Triest führt. Ein Dokumentarfilm wird das Rilke-Abenteuer begleiten.

-Die „Duineser Elegien“ sind berühmt, jedoch vom Vers-Aufbau her sehr schwer zu verstehen, inhaltlich fast surreal (alb-)traumhaft, ja nihilistisch. Warum haben Sie sich entschieden, ausgerechnet dieses Rilke-Werk vorzutragen?

Edgar Selge: Wir lesen die Elegien nicht, wir sprechen sie auswendig. Was Sie über den Nihilismus sagen, kann ich allerdings nicht nachvollziehen.

Franziska Walser: Ich teile die Meinung auch nicht; sicher ist die Grundform der Elegien Verzweiflung... Edgar Selge: Das Anziehende an den „Duineser Elegien“ ist, dass sie eine Gegenwelt beschreiben, die heute so nicht vorkommt – mit Engeln, dem Tod, Toten. Es geht um die Frage nach freien Räumen, wo Engel und Tote die Sehnsucht wachrufen nach dem, was wir nicht haben.

Franziska Walser: ...was wir verdrängen. Interessant ist, dass beim Sprechen der Verse fast sogar Freude aufkommt.

Edgar Selge: Das sind Texte, die versuchen, den Menschen mit der ihm anhaftenden Leere zu versöhnen. Natürlich, Elegien sind Ausdruck eines schmerzlichen Verlustes.

-Die Struktur der Verse ist ausgesprochen vertrackt. Wie kann man Derartiges überhaupt auswendig lernen?

Franziska Walser: Es ist eher so: Wenn man sie langsam laut spricht, versteht man die Elegien leichter, als wenn man sie still liest.

Edgar Selge: Das sind keine abstrakten Texte, sie öffnen sich über die Emotionalität. Wenn man sich dem aussetzt, lernt man, die extremen Bilder zu akzeptieren – obwohl man sie in der Kürze der Vortragszeit intellektuell nicht durchschaut. Das ist keine hermetische, in sich abgeschlossene Dichtung, sie ist einladend. Deswegen kommt so oft „du“, „ich“, „wir“, „ihr“ vor. Der Zuhörer wird zum Partner eines Gedankenaustauschs. Das ist ein Gemeinschaftserlebnis.

Franziska Walser: Das Auswendiglernen ermöglicht geradezu das allmähliche Verfertigen der Gedanken beim Reden. Ablesen kann dazu führen, dass man diesen Vorgang überspringt.

Franziska Walser: Weil der Engel ein so starkes Dasein hat, dem der Mensch in seiner Flüchtigkeit nicht gewachsen ist. In einer biblischen Zeit scheint es Kontakt gegeben zu haben, aber jetzt ist der Engel ein autarkes Wesen von einschüchternder Vollkommenheit, das mit sich selbst beschäftigt ist.

Edgar Selge: Der Engel ist ein Gegenbild, eine Hypothese, wenn man so will, um zu beschreiben, was der Mensch ist und was ihm fehlt. Mit der Dauerhaftigkeit des Engels wird die Flüchtigkeit des Menschen bildlich dargestellt.

Edgar Selge: Im Zusammenhang mit den Texten mag ich das Wort „mild“ nicht. Rilke ringt sich durch: Auch der Mensch hat ein Selbstbewusstsein. Durch seine Schöpfungen – die Sprache, die Musik; er erwähnt die Liebenden, auch Chartre...

Franziska Walser: Die Liebenden empfinden Ewigkeit aber nur in der Hinbewegung zueinander, nicht mehr in der Erfüllung.

Edgar Selge: Die Erfahrung der Leere trägt die Versöhnungs-Geste in sich – bereits in der ersten Elegie. Von der Depression und Verzweiflung des Menschen gelangt Rilke hin zum Hymnischen. Es geht darum, dass die Verzweiflung akzeptiert wird.

-Kann uns also – pathetisch ausgedrückt – die Kunst retten?

Edgar Selge: Die Kunst ist das schönste Beispiel für die Verwandlung, dafür, wie disparate Erfahrungen in einen Zusammenhang gebracht werden.

Franziska Walser: Die Kunst ist die Verwandlung der Schmerzen und des Leidens.

Edgar Selge: Die fünfte Elegie formuliert eine für den Künstler entscheidende Erfahrung: Entweder sein Vorhaben gelingt zu wenig oder zu perfekt. Aber in der unglaublichen Anstrengung des Künstlers passiert das Menschliche, passiert das Lächeln, das Glück. Da kommt der Engel ins Spiel.

-Warum haben Sie die „Duineser Elegien“ zusammen erarbeitet?

Edgar Selge: Wir stehen nicht mehr zusammen auf der Bühne... Da liegt es auf der Hand, dass man gern ein Projekt macht mit jemandem, den man mag, hoch schätzt, dem man nahe ist. Das andere Temperament ergänzt einen. Es ist viel schöner zu zweit.

Franziska Walser: Die Elegien haben mich schon lange angezogen. -Theaterfreunde möchten Sie beide wieder auf einer Münchner Bühne sehen.

Edgar Selge: Ja – das passiert ja nun gerade mit den Elegien. Wir freuen uns, dass Dieter Dorn uns eingeladen hat, man braucht ja ein Forum. Das zeigt, dass wir immer noch sehr verbunden sind.

Interview: Simone Dattenberger

Infos: Rilke-Abend „Jeder Engel ist schrecklich“ am 2. Juni, Karten: Tel. 089/ 21 85 19 40.

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