Frauen im Labor

„Leichtes Spiel“ mit leichter Hand: Dieter Dorn inszenierte das neue Stück von Botho Strauß mit tollen Schauspielern

Beinahe am Ende der Inszenierung stellt Cornelia Froboess als Käthchen, ein spätes Mädchen, diese eine, entscheidende Frage. „War’s nun ein Theaterabend, oder war’s ein Lebensabend voll Theater?“, quäkt sie aus ihrem feuerroten Kasten, der einer Museumsvitrine gleicht. Ja, was sind diese gut dreieinhalb Stunden im Bayerischen Staatsschauspiel, in denen Intendant Dieter Dorn das neue Stück „Leichtes Spiel“ von Botho Strauß auf die bis zu den weiß getünchten Brandmauern aufgerissene Bühne brachte?

Zunächst: Es ist ein über weite Strecken gelungener Theaterabend voll Komik, Tempo, Leichtigkeit, voll berührender Momente und bedenkenswerter Gedanken. Dennoch: Es gibt auch Geschwätziges, Unausgegorenes und Szenen im Leerlauf. Allein: Die Stärken der Inszenierung, die tolle Ensemble-Leistung machen dies alles fast vergessen.

Denn Dieter Dorn hat Botho Strauß beim Wort genommen – und die Uraufführung von „Leichtes Spiel“ als ebensolches eingerichtet. Dafür hat er eine Live-Band am linken und rechten Bühnenrand platziert. Die Musik von Claus Reichstaller verbindet Strauß’ lockere Szenenfolge, die – so der Untertitel des Stücks – „neun Personen einer Frau“ vorstellt. Zu Beginn des Abends fahren alle neun Katharinen aus dem Bühnenuntergrund (einer Hölle? Oder dem Unbewussten?) auf einer Plattform nach oben, in den Mittelpunkt, in den Fokus des Interesses. Diese Frauen werden die Zuschauer nun kennenlernen, ihre Ängste, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen an beispielhaften Szenen studieren können. Die wissenschaftliche Neugier, mit der Strauß seine Protagonistinnen in Situationen stößt, um – gleich einem Forscher im Labor – ihr Verhalten zu untersuchen, unterstreicht Dorns Inszenierung. Sie legt das komplizierte Beziehungs- und Gefühlsgeflecht, in dem die Heldinnen stecken, meist sehr unterhaltsam offen.

Vor jeder Szene sind auf Plakaten deren Titel und der bestimmende Charakterzug ihrer Protagonistin zu lesen: die Ängstliche, die schöne Träge, die Kreative, die Bittere, die Stilbewusste etwa. Der Umbau von Jürgen Roses ebenso schlichtem wie eindrucksvollem Bühnenbild geschieht offen, die Schauspielerin der beendeten Szene bleibt mindestens so lange da, bis die der nun folgenden aufgetreten ist. Das sind elegante, weil fließende Übergänge, die durch die Musik an Intensität gewinnen.

Denn Reichstaller gibt, zusätzlich zu den Szenenüberschriften jeder einzelnen Frau – besser: jedem einzelnen Charakterzug derselben Frau – ein musikalisches Leitmotiv. Bei der Ängstlichen klagt die Jazz-Trompete, scheint sich verschreckt von Ton zu Ton durch die Komposition zu tasten. Druckvoll nach vorne mit einem satten Groove und treibenden Rhythmen geht die Musik dagegen bei der Kreativen, jener Szene, die Strauß im Konferenzraum einer Agentur angesiedelt hat – und die zu den stärksten dieses nicht schwachen Abends gehört: Da sitzen Lisa Wagner und Jens Harzer, sprechen über Liebe, über ihre Sehnsüchte – und reden doch die ganze Zeit aneinander vorbei. Dorn lässt seine beiden Schauspieler alle Regieanweisungen (mit denen Strauß in diesem Bild nicht gespart hat) mitsprechen. Eine wunderbare Idee, denn plötzlich ist nicht mehr klar, ob die beiden miteinander reden oder gerade in einem Brainstorming das Treatment irgendeines Werbefilmchens entwickeln. Ja, so reden sie, die PR-Fuzzis dieser Welt. Und ja, es ist hohl, und es ist gut, das mal wieder vorgeführt zu bekommen. Diese Sequenz funktioniert nicht nur, weil eine Regie-Idee scheinbar mühelos aufgeht. Sie funktioniert, weil sie von Wagner und Harzer gespielt wird, die sekundenschnell Stimmungen aufnehmen und ändern können.

Und dennoch ist es ungerecht, gerade diese beiden hervorzuheben. Die Inszenierung gelingt, weil eben das gesamte Ensemble es versteht, auch Schweres, Verworrenes leicht zu spielen. Da gibt es die Szene der Bitteren, jener Frau, die am Vorabend ihres 50. Geburtstags mit ihrem Mann in einer Hotelsuite sitzt und Frust schiebt, während sie auf den Beginn der Feier wartet. Sibylle Canonica und Gerd Anthoff brauchen weder viele Worte noch Gesten, um das Drama dieses Paares und die Sehnsüchte, die beide trotz ihrer Wut (sie) und Resignation (er) noch immer antreiben, zu vermitteln. Daher hat dieses Ensemble auch nicht die langatmigen, geschwätzigen Szenen des Abends zu verantworten. Gina Henkel und Thomas Loibl etwa versuchen in „Die Zungenfertige“ engagiert zu retten, was geht. Allein, Strauß hat in dieses Bild mit „Geist und Geld“ schlicht zu viel Material gepackt, als dass es wirklich wirken könnte. Und die vierte Episode „Frühlingsopfer“ lässt die Zuschauer gar völlig ratlos zurück.

Am Ende dann spricht die Froboess ihren großen, klugen – aber zu langen – Text über das Leben und Streben der Menschen, über „alles, was so gewesen ist“. Und sie stellt diese eine, entscheidende Frage. „War’s nun ein Theaterabend, oder war’s ein Lebensabend voll Theater?“ Es war ein Theaterabend. Voll Leben.

Herzlicher Applaus für die Schauspieler. Bravos für die Regie.

von Michael Schleicher

Nächste Aufführungen

5., 11., 12., 18. und 30. April; Telefon: 089/ 2185 1940.

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