Vor der Gärtnerplatz-Premiere

Freibeuter aus Versehen

Gemessen an den internationalen Aufführungszahlen ist dieses Stück längst überfällig: Heute hat im Münchner Gärtnerplatztheater die Operette „Die Piraten von Penzance“ des britischen Duos Gilbert und Sullivan Premiere .

787 Vorstellungen ein und derselben Produktion, das wäre fürs Gärtnerplatztheater sogar als Wunschtraum ziemlich vermessen. Am New Yorker Broadway ist solches in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts passiert – womit bewiesen wäre, wie populär die Operetten von Arthur Sullivan (Musik) und William Schwenck Gilbert (Text) in der anglo-amerikanischen Welt sind. An deutschen Stadttheatern bilden diese Werke den Ausnahmefall. Noch. Aber man kann ja mal mit der Renaissance beginnen – so wie jetzt das Gärtnerplatz-Team mit „Die Piraten von Penzance“.

Operette, der Begriff führt den Strauß- und Lehár-Konsumenten etwas in die Irre. Das Duo Gilbert (1836-1911) und Sullivan (1842-1900) sah sich weniger in der Tradition der überdrehten Walzerseligkeit, vielmehr als britisches Pendant zum französischen Kollegen Jacques Offenbach mit seinen parodistischen, respektlosen Satiren.

Gilbert und Sullivan arbeiteten erst ab den 1870er-Jahren zusammen. Letzterer war Sohn eines Kapellmeisters an der Royal Military School of Music, schrieb später geistliche Werke und unter anderem eine Schauspielmusik zu Shakespeares „Sturm“. Gilbert wiederum, Sohn eines Marine-Arztes, war Offizier, danach Rechtsanwalt und verfasste parallel dazu Gedichte und Balladen. Beide fanden einander, als sie damit beauftragt wurden, das Weihnachtsstück „Thespis“ zu verfassen. Sie entdeckten ihren Hang zur musikalischen Satire und schufen 13 abendfüllende Werke.

„Die Piraten von Penzance“ zählt, auch wenn das der deutsche Musiktheater-Besucher kaum glauben mag, zu den meistaufgeführten Werken. Verantwortlich dafür ist nicht nur die geschickt konstruierte Musik, die einem beim ersten Hören wie ein alter Bekannter begegnet, sondern auch die Handlung. 1879 im britischen Paignton uraufgeführt, dreht sich die Operette um das Phänomen des unreflektierten Gehorsams – was dem gemeinen Deutschen, gesetzes- und obrigkeitsgläubig wie er nun mal ist, nicht sonderlich fremd sein dürfte. Die Piraten dieses Stücks leben im idyllischen Cornwall und sind weniger blutrünstige Monster, sondern echte, nur leider etwas fehlgeleitete Untertanen ihrer Königin, die zudem Waisen nichts zuleide tun können.

Im Mittelpunkt steht Frederic, der nach dem Tod seiner Eltern eigentlich „pilot“ (Lotse) werden sollte, doch seine Amme verstand „pirat“ und gab ihn in die Obhut eines Piratenkönigs. Frederic, der mit 21 Jahren die Freibeuter wieder verlassen will, verliebt sich in die Tochter eines Generals, der strikt gegen diese Heirat ist. Wie die Sache ausgeht, ist unschwer zu erraten. Die Münchner Produktion wird dirigiert von Anthony Bramall, Regie führt Holger Seitz, Leiter des Kinder- und Jugendtheaterbereichs am Gärtnerplatz.

Anders als im mittel- bis südeuropäischen Bereich, wo es Strauß und Lehár bis zur Festivalreife à la Mörbisch bringen, tut sich beim Duo Gilbert/Sullivan in solchen Dingen wenig. Dafür steigt im britischen Buxton in der Nähe von Manchester heuer bereits zum 16. Mal das „International Gilbert and Sullivan Festival“ – natürlich mit den „Piraten“. „Ich glaube, das wird ein Riesenerfolg, weil das Stück ziemlich unterhaltsam und die Musik ausgesprochen melodiös und fesselnd ist“, schrieb Sullivan 1879 an seine Mutter. Ab heute wird man in München feststellen können, ob mit dem Komponisten da die Eitelkeit durchgegangen ist.

Karten

unter Tel. 089/ 2185-1960.

von Markus Thiel

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