Bayerische Staatsoper

Auf der Gedanken-Baustelle

Das Opernstudio mit Mozarts „Così fan tutte“ im Cuvilliés-Theater

Sklavin waren sie, natürlich in der „Salome“, auch vierter Meister im „Palestrina“ oder adelige Waise im „Rosenkavalier“. Und kaum befreit man sie aus den kleinen, undankbaren Wurz’n-Partien, staunt der Hörer: Auf ihr Opernstudio, das führt die Premiere von Mozarts „Così fan tutte“ vor, darf sich die Bayerische Staatsoper einiges einbilden. Obwohl: Ausbildungsstätte? Fast alle aus diesem Sextett könnten problemlos auf größeren Bühnen mithalten.

Zum Beispiel Laura Nicorescu. Die Rumänin bringt gleich eine Reihe von Tugenden für die so heikle Fiordiligi-Partie mit: eine dunkle, expansionsfähige, nuanciert eingesetzte Stimme, die sich stilsicher auch in Extremlagen bewegt. Kein Timbre von der Stange, sondern ein Sopranklang, der Unverwechselbarkeit sichert. Ebenso bei Angela Brower (Dorabella), die dank ihres musterhaft konzentrierten Mezzos die selbstbewussteste, reifste Technikerin gibt – und deren natürliche Ausstrahlung jeden Regisseur verzücken müsste. Doch je länger der Abend im Cuvilliés-Theater dauert, desto mehr beschleicht einen das Gefühl: Das, was es dank Regisseur Tobias Kratzer hier zu sehen gibt, grenzt an Ressourcen-Verschwendung.

„Così“ als Zeltplatz-Tragödchen also. Ein kniffliges Stück, gewiss. Aber über eine Reihung von Augenblicks-Befindlichkeiten kommt die Aufführung kaum hinaus. Ein paar Einzelszenen, immerhin, bleiben haften. Etwa wenn die beiden Damen anfangs ihre Künftigen einander wie Trophäen präsentieren. Und später, wenn das Techtelmechtel über Kreuz Fahrt aufgenommen und sich Guglielmo demaskiert hat, ihm seine neue Flamme die Perücke wieder aufsetzt – lieber weiter den Schein wahren, das ist prickelnder.

Doch Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier, dessen kleinteilige Bühne schwerlich eine Fokussierung auf die Figuren zulässt, deutet die Fallhöhe des Stücks, die Existenznot der beiden Paare nur an. Viel zu viele gedankliche Baustellen klaffen in dieser Produktion. Erst gegen Ende, wenn das Ambiente zunehmend irreal wird, ahnt man, dass da noch mehr möglich gewesen wäre. Und weil auch Dirigent Eugene Tzigane kaum über eine brave, sich an der Partitur entlanghangelnde Deutung herauskommt, hält man sich eben an die Sänger.

Vor allem Todd Boyce (Guglielmo), der hörbar Lust an seinem kernigen Bariton hat, kann den Damen etwas entgegensetzen. Kollege Ho-Chul Lee verfügt über einen filigranen, klangschönen Tenor, ist aber ein Opfer der Premierennervosität. Dass die Regie gleich eine doppelte Despina aufbietet, ist ein hübscher Gag, wird indes kaum näher ausgeführt. Immerhin bringt dies, an der Seite von Mirela-Ioana Bunoaica, eine Begegnung mit Tara Erraught: keine spitzzüngige Soubrette, sondern vokal eine ernstzunehmende Rivalin für Fiordiligi.

Der gemütlich-agile Marco Filippo Romano (Alfonso) ergänzt als Gast diese Charme-Offensive, die nach den Münchner Terminen auch andernorts zu erleben sein wird. Wiederauflage mit neuem Stück (und anderem Regieteam) also erwünscht. Ein Dreivierteljahr Opernpause nach dem „Idomeneo“, das haben sich die Sponsoren fürs Cuvilliés-Theater schließlich anders vorgestellt.

von Markus Thiel

Weitere Aufführungen

am 5., 7. und 13. April (alle ausverkauft).

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