Schau im Haus der Kunst

Gegen Modewelt und Markenwahn

Maison Martin Margiela spielt mit Bescheidenheit und Kult

Die Modelle tragen Strumpfmasken. Die Kostüme zeigen das Innenfutter und die Nähte. Eine Weste ist aus Draht und Porzellanscherben gehäkelt, eine Stola aus Papierkugeln gefertigt. An der Haute Couture hängt nicht das Preisschild, sondern die Anzahl der Arbeitsstunden. Die Einladungen zu den Modeschauen sind auf Schokoladentafeln oder in Gratiszeitungen zu finden.

Wer nicht auf eine dieser Partys kommt, weiß später nicht unbedingt, woher sein Edelstück kommt, ziert es doch nur ein weißes Label: Das Maison Martin Margiela (MMM) will die Modewelt und die Markenhörigkeit sezieren und selbst inkognito bleiben. Die Crux an der Sache: Das Designerhaus in Paris hat mittlerweile einen hoch dotierten Kultstatus. Die Stadt Antwerpen (MoMu – Fashion Museum) ehrte den Belgier Margiela mit einer Ausstellung, die nun im Münchner Haus der Kunst zu sehen ist. Und ausgerechnet in der Maximilianstraße hat die Anti-Marke jetzt ihren Laden eröffnet, wo doch bisher deren Shops kaum zu erkennende Geheimtipps für Begeisterte waren.

Auch wenn der Ruhm und die passionierten MMM-Sammler mit ihrer Megaportion Understatement dem revolutionären Ansatz des Modemachers widersprechen, so ist das Kultlabel immer noch seinen Grundsätzen treu geblieben, die schöne Scheinwelt mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen, sie zu karikieren und ökologische wie soziale Aspekte einzustreuen. Die Schau in München präsentiert die Philosophie des Catwalk-Schockers mit den gelungensten Entwürfen der letzten 20 Jahre genau in jenem weißen Rahmen, den das Maison Martin Margiela selbst als Zeichen der Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit seinen Ideen gibt.

Darunter sind Ikonen wie die Tabi-Schuhe, angelehnt an japanische Strümpfe, die nun mit Plateau-Absätzen die Arbeiterversion versilbern. Darunter sind auch Daunendecken, die zu Mänteln umfunktioniert wurden, oder die Recycling-Kollektion, die seit vier Jahren begeistert: ein Pullover aus Militärsocken (acht Arbeitsstunden), eine Weste aus Männersandalen (22 Stunden) und die blonde Perücken-Jacke (51 Stunden).

Der Wert der Dinge liegt in der Kreativität, im Engagement und in der handwerklichen Leistung, die von Margiela immer wieder in den Vordergrund gehoben wird. MMMs Linien heißen demnach Kunst oder Zerstörung. Für die „Scheinwelt“ druckt er die Bilder edler Roben auf simpelste Stücke. Um das Vortäuschen von Perfektion geht es auch bei der Puppenkollektion, für die Barbie-Kleider in Vergrößerung ihre abstrusen und unfertigen Details preisgeben. Das Inszenieren von standardisiertem Sexappeal seziert er mit hautfarbenen Unterziehern; die Models verdecken – oder schützen – ihre Persönlichkeit unter Perücken.

Martin Margiela ist so mit seinen Kommentaren aus der Modewelt über die brancheneigenen Abartigkeiten seit 20 Jahren zum Trendsetter geworden. Dies ist eine grandiose Leistung. Weil sie so absurd ist.

von Freia Oliv

Bis 1. Juni,

Telefon 089/21 12 71 13;
Katalog: 20 Euro.

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