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Opern-Kabarett-Wucherung: Christoph Schlingensief kombinierte eigene Inszenierungen, Installationen und Filme zur neuen Performance (Szene mit Fritzi Haberlandt).

Kunst als Selbsttherapie

Heftiger Jubel: Christoph Schlingensiefs „Mea culpa“

Also lieber einigeln? Allein mit sich, überforderten Lebenspartnern und der schrecklichen Diagnose verkümmern? Das unaussprechliche K-Wort wegschieben und gefragt, was man denn habe, etwas von "Wucherung" drucksen?

Christoph Schlingensief selbst hat ja den größten Lernprozess hinter sich. Vor einem Jahr, kurz vor seiner Berliner Opern-Regie von Walter Braunfels’ "Johanna", hatte er noch seinen Krebs aus den Zeitungen weggeklagt. Um dann doch, nur wenige Wochen später, sich das Hemd aufzureißen und mit einem Theater-Requiem bei der Ruhrtriennale Richtung Selbsttherapie zu stürmen.

Auf seiner Flucht nach vorne ist er mittlerweile im Wiener Burgtheater angelangt. Und betritt nach der Pause plötzlich selbst den Laufsteg, der aus dem Parkett zur Bühne führt, schmal, graugesichtig, mit schütter abstehendem Haar. Kommentiert Brasilien-Videos und lässt seine Schauspieler Texte Todgeweihter verlesen: Reflexionen, die, wie Schlingensief dem Publikum zuruft, er auch einmal "von Ihnen" lesen möchte.

Dabei hatte man sich doch gerade so amüsiert. Denn "Mea culpa", Schlingensiefs aktuelle Selbstinszenierung am ehrwürdigsten deutschsprachigen Schauspielhaus, dreht vor allem dem Sensemann eine Nase - immerhin, so seine aktuelle Diagnose, sind die Metastasen aus dem verbleibenden Lungenflügel verschwunden. Vorerst. "Ready-Made-Oper" nennt Schlingensief die zweieinhalbstündige Performance. Und was er aus Theaterabfall zu Neuem kombiniert, findet er vor allem bei sich selbst, tourt der Mann doch seit Jahren mit eigenem Zitatenschatz.

"Mea culpa" hebt also an mit "Parsifal", erster Akt, live gespielt vom Orchester im Graben. Ein Farbiger gibt den Gurnemanz. Und wir sehen: Drehbühnen-Gerümpel aus Bayreuth (Bühne: Janina Audick), stark gelichtet und ergänzt durch die "Kirche der Angst" und Filmen mit Fledermäusen aus der Installation im Münchner Haus der Kunst, bis irgendwann zerfledderte Lungenflügel aus der "Johanna" aus dem Schnürboden herabfahren. Gesungen wird Passendes von Bachs "Erbarme dich" über Schuberts "Tod und das Mädchen" bis zum Mantra "Wir wollen Entspannung", während Burgschauspieler Joachim Meyerhoff als Sozialkundelehrer-Version von Schlingensief und im grünen Samtanzug nebst Stars wie Fritzi Haberlandt und Irm Herrmann als gewohnt skurrile Kassandra durch die Szenen tapst.

Zumutung? Alles nur Egomanie-Anfälle? Das alles wäre schnell abgeurteilt, wenn da nicht dieses Gefühl wäre, der Abend sei dringend notwendig. Wie jeder Patient an der Schwelle zum Drüben sucht Schlingensief nach Hilfe. Und stilisiert sich zum Stellvertreter, der dort zum offensiven Umgang mit der Krankheit einlädt, wo meist das Prinzip Hoffnungslosigkeit herrscht. Wenn schon leiden, dann mit Mehrwert für alle. Peinlich ist der heftig bejubelte Abend also nicht. Eher schwebeleicht, launig, berührend, wie immer recht wustartig und im Unterschied zu früheren Taten sogar konzentrierter, theatraler. Eine Opern-Kabarett-Wucherung an der Schwelle zum Musical, angesiedelt im Irgendwo zwischen Satire, Kitsch und Doku-Drama.

Was hilft also? Wohl kaum das herrlich komische, entlarvende Treffen im "größten Ayurveda-Zentrum Deutschlands", wo eine Tafelgesellschaft Pseudo-Therapeutisches feiert. Auch nicht das Entsagungsgeraune des "Parsifal", dessen Musik zentrales Element dieser Aufführung ist. Schlingensief treibt es vielmehr von der Lebensunlust zur Utopiesucht. Zur großen Vereinigung der Kulturen. Denn das Gelobte Land liegt auf der anderen Seite des Mittelmeers: Ein Festspielhaus auf dem Schwarzen Kontinent muss es sein. Etwas, das sich Schlingensief ja tatsächlich noch vorgenommen hat.

"Heart of Africa" prangt daher auf dem Giebel, der verdächtig an Bayreuths Weihetempel erinnert. Nicht nihilistische Erlösungsmusik à la "Parsifal" hören wir also am Ende, sondern Isoldes Liebestod, gesungen mit brüchiger, herzangreifender Stimme von der 81-jährigen Elfriede Rezabek. "Ich mag einfach noch nicht", lässt Schlingensief sein Alter Ego sagen. "Und tschüss", sind die letzten Worte. Doch die klingen eher nach "bis bald". Zum Beispiel bis 2016, beim nächsten Bayreuther "Tristan"?

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen

23., 24., 25. März; Tel. 0043/1/51 444-41 45.

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