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Franz Xaver Kroetz als Brandner Kaspar  (undatierte Filmszene).

Interview mit Franz Xaver Kroetz

Franz Xaver Kroetz spricht über seinen aktuellen Erfolg in Australien und über den Zwist mit Helmut Dietl. Tenor: „Mir ist alles wurscht.“

Obermenzing, eine beschauliche Siedlung an einem sonnigen Frühlingstag. Franz Xaver Kroetz öffnet die Tür eines spitzgiebeligen Häuschens: „Willkommen, hier sind Sie im Innersten der Kroetz-Dramatik.“ Einer der dunklen Räume ist bis an die Decke mit Plakaten seiner Theaterstücke tapeziert, die übrigen scheinen aus einer anderen Zeit zu stammen. Hier in seinem Elternhaus lebt Kroetz, wenn er sich nicht auf Teneriffa aufhält. T-Shirt, Hut und Sonnenbrille – der Dramatiker hat im Garten gesessen und gearbeitet. In dem sonst sich selbst überlassenen Grün, wo Kroetz seine ersten Stücke geschrieben und manche auch verbrannt hat, soll dieses Gespräch stattfinden. Der Anlass ist nicht etwa ein neues Drama – Kroetz hat vor fünf Jahren aufgehört mit dem Schreiben. Sondern: Das Theater Hoy Polloy in Melbourne will sein Stück „Mensch Meier“ aus dem Jahr 1977, auf Englisch „Tom Fool“, erstmals in Australien aufführen.

Kroetz freut sich über das Interesse: „Es ist eine große Befriedigung für mich. Als Dichter wurde ich in Deutschland ohne Prämie abgewrackt. Es ist traurig, im eigenen Land keine Rolle mehr zu spielen.“ Entsprechend beschränke sich das Interesse auch im Ausland auf sein Frühwerk. „Es ist schließlich wesentlicher“, sagt er und lacht plötzlich auf: „Mir hat Clint Eastwood in ,Gran Torino‘ so gut gefallen, ich fühle mich wie er: Mir ist alles wurscht, ich bin ein alter, emeritierter Dichter.“

Bei den Australiern hört sich das freilich anders an, Kroetz wird als einer der wichtigsten deutschen Dramatiker angekündigt. Hoy Polloy, als unabhängiges Theater 1993 gegründet, widmet sich einer „vitalen, pulsierenden Dramatik aus dem In- und Ausland“, so die Selbstdarstellung. Wayne Pearn, der künstlerische Leiter, ist ein Bewunderer deutschsprachiger Autoren von Dürrenmatt über Schimmelpfennig bis Wedekind und „natürlich Brecht“. Nun sei Kroetz dazugekommen. Pearn erzählt, er habe Ende der 90er-Jahre „Stallerhof“ gesehen, auch „Wunschkonzert“ sei in Australien aufgeführt worden. Bekannter sei Kroetz aber aus der Serie „Kir Royal“, die der multikulturelle Sender SBS ausstrahlte. „Deshalb freue ich mich riesig, jetzt eines seiner bedeutsamsten Stücke in Australien auf die Bühne gebracht zu haben“, sagt Pearn. Es geht um eine Arbeiterfamilie. Otto bekommt bei einem Autobauer immer mehr Druck gemacht. Sohn Ludwig soll es einmal besser haben und studieren, er will aber lieber Maurer werden und findet keine Lehrstelle. Als Otto gewalttätig wird, zieht Martha aus und beginnt ein selbstständiges Leben.

„In Australien schließen Betriebe oder entlassen Arbeiter in großer Zahl. Es ist die Arbeiterschicht, die die volle Wucht dieser globalen Krise zu spüren bekommt“, berichtet Pearn. „Man könnte glauben, das Stück sei heute geschrieben.“ Und das sagen nach der Premiere Anfang Mai auch die Rezensenten. Insgesamt wurde die Inszenierung des Regisseurs Beng Oh sehr positiv aufgenommen. Kroetz hält „Mensch Meier“ für eines seiner besten Stücke „mit all diesen Utopien, Wünschen und einer Reihe zarter, poetischer Aufbrüche“. Dass es 30 Jahre vor seiner Australien-Premiere in Brasilien uraufgeführt wurde, hat es einem Übersetzerkongress zu verdanken. Ein Teilnehmer hatte es in seine Heimat mitgenommen, woraufhin der Veranstalter Strafe zahlen musste, weil vier deutsche Theater die Erstaufführungsrechte erworben hatten. Das amüsiert Kroetz noch heute.

Im Garten wird es kühl, er will wieder hinein ins Innerste der Kroetz-Dramatik. Hier verwaltet er die Auslandsrechte. In Europa wird fast flächendeckend Kroetz gespielt, in aller Welt sind es ständig etwa 20 bis 25 Stücke zeitgleich. Bei der 27. Sprache hat Kroetz aufgehört, die Übersetzungen zu zählen. Über die Hälfte seiner 60 Werke seien allein auf Englisch erschienen. Gerade in den ehemaligen sozialistischen Ländern, wo der Wechsel zu einem „kleinbürgerlichen, doktrinären kapitalistischen System“ stattfinde, seien die Stück gefragt. Auch in Belgien, wo er kürzlich selbst inszenierte, in Italien , der Schweiz, in Südkorea oder Israel.

„Die Dramatik ist mein Lebenswerk“, sagt Kroetz, „nicht der Baby Schimmerlos in ,Kir Royal‘“. Pläne, dass er in Helmut Dietls Kinofortsetzung mitspiele, sind gerade geplatzt. Kroetz empfand das Drehbuch als „schreckliches Desaster“, was er Dietl auch so mitteilte. „Es war ja schon in der langen Fassung zu viel Zynismus und zu wenig Humor drin, zu viel Menschenverachtung und zu wenig Menschenliebe, zu viel Arroganz und zu wenig Herz.“ Beim „Alten Wirt“ in Obermenzing habe er sich kürzlich mit Dietl getroffen. „Ich hab’ dem Helmut auch angeboten, beim Umschreiben mitzuschreiben, da ging’s nämlich noch nicht ums ,Rauswerfen‘. Das wollte er aber nicht. Schade.“ Schon über ein Dutzend Drehbücher hat Kroetz in diesem Jahr abgelehnt. „Die Zeiten, wo man bei mir ein paar ,Scheiben‘ SchauspielerKroetz, aber sonst keinen Kroetz kaufen konnte, sind vorbei.“ Keineswegs sitzt er nun resigniert zuhause. Nach „Brandner Kaspar“ hat er ein neues Projekt mit Joseph Vilsmaier in Aussicht, „Zentralfriedhof“. Und kürzlich ist er jeden Tag begeistert zum Festival „Radikal Jung“ am Münchner Volkstheater geradelt – um zu sehen, was es Neues gibt am Theater.

Von Christine Diller

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