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Haas und Moser (von links).

In tieferen musikalischen Regionen

Interview mit Georg Friedrich Haas und Roland Moser

Zur Uraufführung im Kammerorchester: Die Komponisten Georg Friedrich Haas und Roland Moser erklären das Besondere ihrer Werke.

In den letzten fünf der insgesamt 20 Minuten „ist es ein Kontrabass-Konzert“, beschreibt Georg Friedrich Haas sein Stück „Unheimat“ , in dem das „unhandliche“ Instrument eine besondere Rolle spielt. „Die übrigen 18 Streicher des Kammerorchesters habe ich in drei Sextette aufgeteilt. Der Kontrabass passt da klanglich wie auch von seinen Ursprüngen her – er stammt nicht aus der Violin-, sondern aus der Gamben-Familie – nicht so richtig hinein.“

Der Bass wird auch auf dem Podium eine zentrale Stelle einnehmen. Nicht nur als „Außensaiter“, sondern auch weil Haas ihn im Bereich der Obertonreihen (jener Töne, die mitschwingen) beschäftigt. In der tonalen Musik fungiert der Kontrabass als Orientierungspunkt. Haas hingegen macht ihn mit sechstel- und vierteltönigen Abweichungen zum Störfaktor. „Das irritiert die übrigen Spieler“, die er als isolierte Gruppen, aber gelegentlich auch als Gesamtklangkörper einsetzt. Für den Komponisten agiert der Kontrabass mit seinen wenigen Tönen wie ein Initiator.

Neben den Obertonkonstellationen sind es Mikrointervalle, die die Musik des Österreichers prägen. Um den Musikern des Münchener Kammerorchesters einen Weg von Mozart zu seinem Werk zu weisen, erklärte er Folgendes: „Musiker sind Menschen und keine Maschinen, folglich drückt jeder Streicher bei einem virtuosen Lauf seinen Finger nicht exakt auf die gleiche Stelle der Saite wie sein Nachbar. Das ergibt eine bestimmte, flirrende Klangqualität. Dies nehme ich unter die Lupe und vergrößere die Bandbreite der Abweichungen.“

Mit dem Titel „Unheimat“ beschreibt der in Tschagguns in Vorarlberg aufgewachsene Haas eine Sehnsucht nach Heimat. Denn er meint, dass „das, was so tut, als wäre es Heimat, auch das Gegenteil sein kann“. Und er erinnert sich, wie das Tal, in dem er seine Kindheit verbrachte, ihn prägte: „Ich habe als Bub keinen Sonnenaufgang und keinen -untergang gesehen. Immer nur die wandernden Schatten oder die rosa gefärbten Gipfel. Auch die Mehrdimensionalität hat mir gefehlt. Durch unser Tal führte nur eine Straße, die sich am Ende in 32 Serpentinen über den Pass wand, der im Winter gesperrt war…“

Eine bestimmte Form von Enge und auch das Grauen, das Ungebändigte der Natur gehören zu den elementaren Erfahrungen des Komponisten. „Vielleicht habe ich davon etwas ins Stück gebracht“, lächelt der sympathische 55-jährige Grazer, der seit einigen Jahren an der Musikakademie Basel lehrt.

Roland Moser sah sich in seinem Auftragswerk, das er übrigens nicht nur für das Münchener, sondern auch für das Basler Kammerorchester schrieb, weder von den Alpen noch von der Besetzung eingeengt. So komponierte er in seinem Haus im Berner Oberland – übrigens mit Blick auf die schneebedeckte Bergwelt – ein zweiteiliges, knapp 20-minütiges Stück „Sein und Meinen“.

Neben den Streichern kommen Harfe, zwei Klarinetten und zwei Hörner zu Wort, und überdies verlangt er drei Kontrabässe. „Ich mag sie sehr in ihrem enormen Umfang. Überhaupt liebe ich Instrumente, die nicht so im Solisten-Rampenlicht stehen. Deshalb setzte ich bei den Klarinetten auch Bass- und Kontrabass-Klarinette ein. Die tiefen Regionen sind mir wichtig“, erklärt Moser, den es immer wieder hoch hinauf in die Schweizer Berge zieht.

Sämtlichen Streichern gab der Komponist ihre eigene Stimme – „ich wollte keine Tutti-Geigen“ – und fügte ungewöhnliche Partner zusammen: Ein Sextett aus Bassklarinette und fünf Bratschen, ein Quintett aus zwei Hörnern und drei Geigen oder ein Trio aus Klarinette und zwei Geigen. Er nutzt die verschiedensten Kombinationsmöglichkeiten und lässt sie im zweiten Teil „Meinen“ einige Verwirrung stiften.

Der Titel geht auf ein Traktat des antiken Philosophen Parmenides zurück. „Ich bin über Karl Popper auf ihn gestoßen und meine Komposition ist im weitesten Sinne eine Programm-Musik über die Parmenides-Bruchstücke aus dem 6. Jahrhundert vor Christus.“ Moser ließ sich vom erstmals formulierten Relativismus des Denkers inspirieren. Er erläutert: „Parmenides zeigt zwei Wege zur Erkenntnis: Einerseits gibt es das Sein, in dem immer alles da ist, sich nicht verändert und nicht endet. Neben diesem göttlichen Immerwährenden sieht er das Menschliche, das Meinen. Hier erzeugt die Wahrnehmung des Menschen mit all ihren Sinnestäuschungen immer wieder neue Sichtweisen und Meinungen.“ Da das Wort für Moser zentrale Bedeutung hat, unterlegt er sogar den Notentext mit einzelnen Zitaten aus dem Traktat. „Das wirkt sich auch auf das Spiel der Musiker aus, weil die Sprache eine andere Art der Artikulation hat.“

Aus dem philosophischen Programm haben sich für Moser natürlich musikalische Strukturen entwickelt. Obwohl Roland Moser gesteht: „Das Sein ist eigentlich nicht komponierbar“, hat er ihm eine Form gegeben, „einen Akkord, der sich nach oben und unten fortsetzen lässt und sich durch eine Kette von Verschiebungen zum Kreis schließen lässt“. Theorie wird Musik.

Von Gabriele Luster

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