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Ein Bild aus der Ausstellung.

Interview zur Tutanchamun-Ausstellung

„Das ist ja alles nicht echt! Das ist ja alles nur nachgemacht!“ Solche Stimmen werden rund um die Tutanchamun-Ausstellung im Olympiapark vielfach laut. Bis 30. August ist in der Event-Arena die Schau „Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze“ zu sehen.

Das Besondere daran: Sie präsentiert eine Fülle an Anschauungsgegenständen zur Epoche des Pharao, mehr als 1000 Exponate – doch kein Stück ist original, alles sind Repliken. Über deren Vor- und Nachteile sprachen wir mit Professor Wilfried Seipel, österreichischer Ägyptologe und Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien.

-In der Ausstellung gibt es „Tutanchamun zum Anfassen“. Worin liegt der Reiz, wenn es nur Repliken sind?

Wir leben doch heute in einer virtuellen Welt, in der die Unterschiede zwischen Original und Kopie verwischen. Am Computer kann man sich dreidimensional durch jedes Museum zoomen. Man hat einen anderen Zugriff auf die Welt. Und um den Informationsanspruch eines stetig wachsenden Publikums abzudecken, sind Repliken notwendig.

Bilder von der Ausstellung

Tutanchamun: Ausstellung in München

-Die meisten Tutanchamun-Originale lagern im Ägyptischen Museum in Kairo. Dass sie nicht ständig auf Reisen gehen, hat vor allem praktische Gründe: Sie sind empfindlich, die Versicherungen teuer, und Ägypten lässt sie ungern weg. Trotzdem werden einige immer wieder an Museen verliehen. Reicht es nicht, sie dort zu sehen?

Nein. Die berühmte Totenmaske etwa war bei der Ausstellung 1980/81 im Münchner Haus der Kunst zum letzten Mal außerhalb Ägyptens zu sehen. Und 2008 haben wir beispielsweise in Wien einige Originale gezeigt. Aber das bedient die Ägyptomanie der Menschen nicht ausreichend. Außerdem kann man so immer nur einen kleinen Ausschnitt zeigen und nie die vollständige Zusammensetzung des Grabschatzes. Dieser bestand aus 5700 Objekten, und mit den Originalen könnte man nie ein Bild seiner Gesamtheit vermitteln.

-Der Vorteil der Repliken-Schau ist also, den großen Zusammenhang mitsamt der Details zu zeigen.

Genau. Sie soll die Fülle des Schatzes offenbaren und darüber informieren, was man daraus über das Leben in Tutanchamuns Ägypten lernen kann. Das geschieht seriös: Die Exponate sind originalgetreue 1:1-Kopien, angefertigt mit dem Geschick aus einer jahrtausendealten Tradition.

-Werden die Zuschauer nicht in die Irre geführt, wenn man ihnen Imitate vorsetzt?

2007 kam es zum Skandal: Das Hamburger Völkerkundemuseum zeigte chinesische Terrakotta-Krieger, die angeblich 2000 Jahre alt waren – und sich dann als Kopien entpuppten. Das Museum war auf Fälschungen hereingefallen. Das war sehr ungeschickt, natürlich darf man Kopien nicht als Originale verkaufen. Ein Fehler war es aber auch, die Ausstellung dann zu schließen. Man hätte offen damit umgehen sollen und dem Laien vermitteln, dass er auch an Kopien etwas lernen kann. Bei der Tutanchamun-Ausstellung ist das aber von vornherein anders, weil es bewusst Kopien ohne Originalitätsanspruch sind. Der Fachmann erkennt gleich, dass es Repliken sind. Man muss diese zwei Ansätze auseinanderhalten.

-Aber in der neuen Schau fehlt den Exponaten nun mal die Aura der Authentizität – so empfinden es viele Leute. Spielen die Gefühle, die man hat, wenn man ein Stück sieht, das wirklich dreitausend Jahre alt ist, denn keine Rolle?

Die Frage ist: Wie bin ich angerührt? Natürlich ist es ein anderes Erlebnis, wenn man ein Original sieht und dabei Empfindungen mitschwingen, als wenn man zum Beispiel nur das Foto eines Originals betrachtet. Aber für die Bildung spielt die Emotion keine Rolle, der informative Zweck ist auch so erfüllt. Und wenn ich als Laie nicht mal wirklich erkenne, ob ich vor einer Kopie stehe – kann diese dann am Ende nicht genauso wirken wie das Original?

-Die Ausstellung soll bilden und unterhalten, gemäß dem „Edutainment“-Ansatz. Was noch?

Sie ist als Einführung zu verstehen, sie soll neugierig machen auf das alte Ägypten und darauf, sich mal die Originale anzuschauen – in Museen, in Kairo oder an der Grabstätte im Tal der Könige. Aber auch dort gilt: Der Tourismus nimmt zu, und man kann nicht mit 50 Leuten in die Gräber, das verkraften diese wegen der Atemluft der Besucher nicht. Viele Gräber, wie das von Ramses II., sind schon nicht mehr zugänglich.

-Und Sie glauben, ein „Nachbau“ der Grabstätten funktioniert?

Ein Beispiel zeigt, dass es funktionieren kann: die Kopie der Höhle von Altamira in Spanien. Vor zehn Jahren wurde sie gebaut, 500 Meter vom Original entfernt, mit all den beeindruckenden Höhlenmalereien – und die Leute stauen sich dort. Übrigens ist die Kopien-Anfertigung auch für die Ägypter eine akzeptierte Lösung.

-Werden Museen so irgendwann überflüssig?

Nein. Die Repliken-Schauen sind auf einer anderen Ebene angesiedelt – die Zielsetzung ist eine andere, sie sollen ergänzen. Wie Originale durch Authentizität beeindrucken, das ist nicht zu ersetzen. Das Museum bleibt der Ort des Originals, der Begegnung, der Sehnsucht des Menschen.

-Sie sprachen von „Ägyptomanie“. Was fasziniert am alten Ägypten so?

Erstens ist es eine fremde, zeitlich wie räumlich weit entfernte Kultur. Zweitens ist sie sehr verständlich, sehr anschaulich, es ist viel menschlich Anrührendes darin zu finden – zu Sozialethik, Familie, Wertebewusstsein, mit dem auch wir uns identifizieren können oder das wir schön finden. Die Kultur ist geheimnisvoll und zugleich von Lebenslust und dem Diesseits geprägt. Wie es uns auch die Grabbeigaben zeigen: Die Ägypter liebten das Leben so sehr, dass sie es ins Jenseits fortführen wollten.

Das Gespräch führte Christine Ulrich

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