Ingolstadt entlässt Walpurgis - Interims-Nachfolger steht fest

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Zur "Jenufa"-Premiere: Wie ein Hammerschlag

Brutaler, drastischer lässt sich eine Opernhandlung wie die von Leo(s) Janá(c)eks "Jenufa" kaum denken: Die Titelheldin erwartet ein uneheliches Kind, doch ihr Angebeteter verweigert die Ehe.

Die Küsterin fürchtet gesellschaftliche Ächtung - und ermordet das Baby ihrer Ziehtochter. Heute ist Premiere im Münchner Nationaltheater. Barbara Frey, die am Staatsschauspiel unter anderem mit "Onkel Wanja" und "Geschichten aus dem Wiener Wald" Erfolge feierte, inszeniert. Eva-Maria Westbroek singt die Jenufa, Deborah Polaski die Küsterin.

-Nehmen wir an, ein Gericht verhandelt das Verbrechen der Küsterin. Welches Urteil wird es fällen?

Polaski: Sie würde zu einer sehr langen Haftstrafe verurteilt werden, käme aber nach zwei Jahren wieder frei. Weil das System so verkorkst ist, sodass man sich eigentlich alles erlauben kann.

Frey: Ich sehe es etwas anders. Wenn man glaubt, dass sie im Grunde ein guter Mensch ist, wäre es schon wichtig, dass sie bald wieder herauskommt. Ich glaube allerdings, dass ein solches Verbrechen auch heute hart bestraft werden würde. Man muss dazu nur die jüngsten Kindsmord-Prozesse verfolgen. Ein solcher Mord gilt in unserer Gesellschaft als eines der abscheulichsten Verbrechen.

-Janá(c)ek hat sich sehr viele Gedanken auch über Regie gemacht. Wie gestisch ist seine Musik? Wie leicht macht sie es einem?

Westbroek: Sie ist extrem genau geschrieben. Fast wie ein Film-Drehbuch.

Polaski: Mir fällt es relativ schwer, weil der Kompositionsstil sehr fragmentarisch ist und selten große Phrasen erlaubt. Es ist schwierig, das richtig zusammenzuhalten. Ich empfinde daher weniger Freiheit als bei anderen Komponisten.

Frey: Die Musik ist ungeheuer gestisch. Der Bewegungsüberschuss ist gewaltig. Manchmal wirken die Instrumente gar nicht mehr so, wie sie eigentlich klingen sollten. Für mich als Schauspiel-Regisseurin ist das ein enormer Reichtum, der einen auffordert, in den Bewegungen sehr genau zu sein.

Westbroek: Ja. Wir haben alle unsere kleinen Krisen gehabt. Die Geschichte ist so furchtbar, sie trifft einen wie ein Hammerschlag. Jedes Mal, wenn die Küsterin singt, das Kind ist tot, krieg’ ich einen Riesenschreck: Ja, es ist wirklich wahr! Und nicht wiedergutzumachen! Ein Augenblick, und eine ganze Welt kippt.

-Es gibt eine Stelle, an der die Küsterin und Jenufa in Terzen singen. Sind beide womöglich charakterlich verwandt? Wird aus Jenufa mal eine Küsterin?

Westbroek: Nein.

Polaski: Die Küsterin hat ja kein Kind in die Welt gesetzt. Jenufas Gefühle kann sie nicht haben.

Westbroek: Und die Größe, die Jenufa am Schluss zeigt, um zu verzeihen, wird die Küsterin nie erreichen.

-Die Oper war bei ihrer Uraufführung ein zeitgenössisches Stück. Ist sie das immer noch?

Polaski: Ja klar...

Frey: ...und so etwas passiert nicht unbedingt nur in Dörfern. Manchmal glauben wir, dass wir aufgeklärt, säkularisiert und vernunftbegabt sind. Aber unsere Gesellschaft ist bisweilen von einer unglaublichen Barbarei. Diese Dinge passieren permanent.

-Welche Rolle spielt die Religion? Treibt sie die Menschen des Stücks auch in ihre Entscheidungen?

Frey: Ständig wird Gott angerufen. Es gibt hier eine seltsame Mischung aus einerseits dem Glauben verhaftet sein und andererseits die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Letzteres hatte die Küsterin lange nicht, am Ende aber schon. Sie wird einsichtig.

-Ist Ihnen die Küsterin sympathisch?

Polaski: Das dürfen Sie nicht mich fragen (lacht laut). Sorry, wir müssen jetzt mal alle lachen, das gab’s bei den Proben ständig.

Frey: Das tut einfach gut (lacht mit).

-Nimmt man das Stück also quasi mit nach Hause nach den Proben?

Polaski: Man schläft wirklich damit. Ich bin so oft aufgewacht. Das Stück übernimmt einen, man gehört sich teilweise nicht mehr selbst.

Westbroek: Genau! Wie Jenufa dauernd erniedrigt wird, das macht mich auch manchmal unglaublich wütend.

-Und wie schützt man sich vor diesen Emotionen?

Polaski: Ich muss meine eigenen Grenzen genau kennen - also mir bewusst machen: Ich kann bis zu diesem Punkt gehen. Wenn ich nur eine Haaresbreite drüber hinaus komme, wird es brandgefährlich. In der Grauzone vor der Grenze kann ich hundertprozentig agieren. Aber das hängt alles von der Tagesform ab.

Westbroek: Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht zu viel verliere. Es gab Momente, in denen man wirklich eine dicke Kehle kriegt, weil einen das Stück so angreift.

-Wie frei sind die Figuren überhaupt? Hätte jede und jeder sich auch anders entscheiden können?

Frey: Nein, nicht in dieser Gruppe von Menschen. Ein Stück Freiheit liegt wohl in Jenufas sexueller Autonomie. Die Gesellschaft ist aber noch nicht so weit dafür. Am Schluss allerdings wird sie frei, weil sie den Daumen nicht über der Küsterin senkt. Jenufa hat die positive Macht zu vergeben.

-Was passiert nach Fallen des Vorhangs? Bleiben Jenufa und der ursprünglich von ihr nicht gewollte Laca zusammen?

Westbroek: Ja. Weil sie durch diese Geschichte so fest miteinander verbunden sind, sodass sie sich respektieren.

Polaski: Sie finden eine Basis für ihr Zusammenbleiben. Aber ich glaube nicht, dass sie glücklich sind. Es ist eine Art Abkommen zwischen beiden.

-Es gibt Menschen, die behaupten, starke, energiereiche Stücke wie "Jenufa" oder "Elektra" funktionieren fast von allein.

Frey: Wie kann man so etwas sagen!? Ich kenne dieses Argument, auch bei "Romeo und Julia". Es ignoriert, welche unglaubliche Arbeit dahintersteckt. "Jenufa" stellt man doch nicht mit links auf die Bühne!

Polaski: Das ist wie bei der Formel 1. Man hat ein wahnsinnig schnelles Auto mit allem Drum und Dran. Und dann glauben diese Leute, man muss nur aufs Gaspedal treten - und nicht lenken. Absurd!

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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