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Anna Netrebko begeistert die Zuschauer in München. (Archivbild)

Bayerische Staatsoper

Keine reine Star-Show

Unzählige Mimis haben hier in den vier Jahrzehnten seit der Premiere an die Tür Rodolfos geklopft.

Aber lange schon dürfte dem ersten, hinter der Bühne nur schüchtern gehauchten „Scusi“ der Hauptdarstellerin nicht mehr so entgegengefiebert worden sein wie am Sonntag. Wurde die altbekannte und oft gespielte „La bohème“-Inszenierung der Bayerischen Staatsoper (Otto Schenk) doch diesmal durch das Auftreten von Starsopranistin Anna Netrebko veredelt, deren bloße Ankündigung die Kartennachfrage wieder einmal explosionsartig in die Höhe schnellen ließ.

Und so waren sie alle in freudiger Erwartung versammelt: neugierige Stammgäste und weit gereiste Fans ebenso wie fesch herausgeputzte Opernnovizen, die einen ersten Blick auf die Diva werfen wollten. Zu erspähen war da in den vorderen Parkettreihen auchs Gatte Erwin Schrott, der seiner Anna nach gelungener Auftrittsarie stolz ein „Brava“ entgegenschmetterte und mit diesem Jubelruf keineswegs der Einzige war, der sich vom Charme der Russin gefangennehmen ließ.

Wie schon vor zwei Jahren bei den konzertanten Aufführungen von „La bohème“ im Gasteig zeigte sich Anna Netrebko auch bei dieser Gelegenheit als Puccini-Interpretin von Format, deren dunkel gefärbter Sopran spielend über jedes Aufbäumen des Orchester hinwegzutragen vermag und schon beim „Mi chiamano Mimi“ den Saal mit leuchtenden Spitzentönen flutet. Wirklich zu berühren versteht Netrebko aber vor allem mit ihrer großen Arie im dritten Akt, in welcher sie als bereits vom Tode gezeichnete Frau zu sanfteren Tönen findet, feine Piano-Phrasen zu spinnen beginnt und aus dem Text heraus gestaltet. Dass der Abend trotzdem nicht zur „Anna-Show“ wurde, ging dabei in erster Linie auf das Konto von Joseph Calleja.

Er sang mit einschmeichelndem Timbre und sicherer Stimmführung einen beispielhaften Rodolfo. In ihm hatte Netrebko einen denkbar starken Partner zur Seite, der den Höhenflug im ersten Finale mühelos mitmacht und ihr vom Stimmvolumen her Paroli bieten kann. Was vom Publikum am Ende mit kaum weniger enthusiastischem Beifall gewürdigt wurde.

Schwerer hatte es in dem prominenten Umfeld Jessica Muirhead als munter zwitschernde Zicke Musetta. Denn mochte sie beim berühmten Walzer auch noch so überdreht spielen, diesmal blieben aller Augen und Ohren auf Mimi gerichtet. Eine Hypothek, an der ebenfalls der jugendlich übermütige Marcello von Nikolay Borchev abzuzahlen hatte, während seine spielfreudigen Kollegen Christian Rieger und John Relyea zur Pariser Künstler-WG eine ordentliche Prise Humor beisteuerten.

Anstecken ließ man sich von der Begeisterung zum Glück auch im Graben, wo das Staatsorchester nach kleineren Durststrecken im jüngeren Repertoirealltag wieder in Hochform agierte. Zu danken war dies nicht zuletzt Daniele Callegari, der die Zügel vom ersten Moment an fest in der Hand hielt, den Sängern aber gleichzeitig ihre Freiräume gewährte und so nicht nur den umjubelten Star des Abends stets ins rechte Licht rückte.

Tobias Hell

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