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„Was bringt das Kino der Zukunft?“, scheint das offizielle Plakat des Festivals in Cannes zu fragen.

Klassentreffen im Zeichen der Krise

Morgen startet das wichtigste Filmfest der Welt – Michael Haneke ist der einzige deutsche Regisseur im Wettbewerb

Das Internationale Filmfestival in Cannes, das wichtigste Filmfest der Welt, trumpft dieses Jahr mit den großen Namen seiner jüngeren Geschichte auf: Quentin Tarantino, Jane Campion, Lars von Trier und Ken Loach – gleich vier frühere Gewinner der Goldenen Palme – zeigen ihre neuen Produktionen im Wettbewerb, der morgen beginnt. Auch der Oscar-Gewinner Ang Lee („Brokeback Mountain“) und Cannes-Lieblinge wie Pedro Almodóvar („Alles über meine Mutter“) sowie Michael Haneke mit dem einzigen deutschen Film im Wettbewerb sind dabei: „Klassentreffen der Besten“ titelte daher ein Branchenblatt im Vorfeld.

Ein Treffen, das dieses Jahr allerdings auch im Zeichen der Krise steht. Die weltweite Unsicherheit gestattet dem größten Filmfestival keine Ausnahme: Luxus-Yachten werden für etwas kürzere Zeit gechartert, Partys werden heuer weniger gefeiert oder fallen ein bisschen weniger glamourös aus. Wahrscheinlich werden die insgesamt 35 000 Branchengäste in Cannes in diesem Jahr auch ihren Champagner und ihr Essen häufiger selbst bezahlen müssen.

Auch das in den letzten Jahren stets vollkommen überlaufene deutsch-internationale Fest von „German Films“ findet nicht wie gewohnt üppig in einer gemieteten Traumvilla mit Bus-Shuttle und Feinkost statt: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir – aus Kostengründen – das Konzept geändert haben“, heißt es in der Einladung zum „Cocktail Empfang ohne Buffet“ mit reduzierter Gästezahl – immerhin noch im Strandrestaurant des prächtigen Carlton Hotels.

Isabelle Huppert leitet heuer in Cannes die Sitzungen der Jury.

Doch natürlich schreiten auch in Zeiten der Krise neben den Größen des Autorenkinos viele leibhaftige Stars über die rot ausgelegte Treppe ins Festivalpalais. Der 46-jährige US-Amerikaner Tarantino, der die Goldene Palme im Jahr 1994 mit „Pulp Fiction“ gewann, kommt zum Beispiel mit Superstar Brad Pitt und vielen deutschen Schauspielern wie Til Schweiger und Daniel Brühl an die Côte d’Azur. Er zeigt seinen lange erwarteten und teilweise in Deutschland gedrehten Anti-Nazi-Kriegsfilm „Inglourious Basterds“. Die Geschichte garantiert den mittlerweile viel kopierten Tarantino-Effekt mit lässigem Gemetzel und satirischem Unterton. Die „Basterds“ sind eine Gruppe jüdischer US-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg darauf angesetzt sind, besonders fiese Nazis zu töten. Überraschend mag sein, dass Tarantino die deutschen Schauspieler Til Schweiger und Daniel Brühl nicht als Nazis besetzt hat. Schweiger spielt einen jüdischen G.I., und auch Brühl, für dessen Rolle zunächst Leonardo DiCaprio im Gespräch war, spielt einen Juden. Den Theaterschauspieler und ARD-„Tatort“-Kommissar Martin Wuttke besetzte Tarantino als Adolf Hitler. Wuttke hat den Diktator bereits in Heiner Müllers legendärer Inszenierung von Bertolt Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ am Berliner Ensemble gespielt – und sich damit für die Rolle empfohlen.

Eine tragische Liebesgeschichte bringt die in Australien lebende Neuseeländerin Jane Campion mit, die 1993 das Festival mit „Das Piano“ verzauberte. Ihr „Bright Star“ schildert eine Romanze des britischen Poeten John Keats, die durch dessen frühen Tod im Alter von 25 Jahren endete. Wenig Sinn für Romantik zeigt dagegen der Däne Lars von Trier, der in der Vergangenheit immer wieder in Cannes für Furore gesorgt hat. Sein „Antichrist“ beschert einem um sein Kind trauernden Ehepaar keinen Trost, sondern den schlimmsten denkbaren Albtraum.

Gute Gefühle und Fantrubel verspricht dagegen der Brite Ken Loach, der vor drei Jahren mit „The Wind That Shakes The Barley“ völlig überraschend die Goldene Palme gewonnen hat. In „Looking for Eric“ geht es um einen Fußball-fanatischen britischen Postboten und dessen ganz besondere Verbindung zu dem französischen Fußballstar Eric Cantona.

Ein für den Wettbewerb ungewohntes Genre bespielt dagegen der in Taiwan geborene Amerikaner Ang Lee: Sein Musical „Taking Woodstock“ beschreibt das Lebensgefühl zur Zeit des legendären Festivals vor 40 Jahren. Ein guter alter Bekannter der Festival-Organisatoren ist der in München geborene Österreicher Michael Haneke, der nach mehreren französischen Filmen („Caché“, „Die Klavierspielerin“) in Cannes jetzt mit einer rein deutschen Produktion im Wettbewerb vertreten ist. Ulrich Tukur und Susanne Lothar lassen „Das weiße Band“ wehen. Haneke versetzt sie in seiner „deutschen Kindergeschichte“ in das Jahr 1913 und in ein Dorf, in dem merkwürdige Unfälle passieren, die den Charakter „ritueller Bestrafungen“ annehmen.

Rund die Hälfte der diesjährigen 20 Kandidaten für die Goldene Palme stammt aus Europa. Alain Resnais, mit 86 Jahren der Älteste, erlebte sein Cannes-Debüt vor genau einem halben Jahrhundert. Der andere Schwerpunkt der Auswahl liegt auf Filmemachern aus dem Nahen oder Fernen Osten – jener Region, aus der nach Ansicht des Programmchefs Thierry Frémaux die wichtigsten kreativen Impulse für das Kino der Zukunft zu erwarten sind. Als Impulsgeber zum Start des Festivals dient morgen allerdings noch keine hochkünstlerische asiatische Produktion, sondern pures Popcorn-Kino, das technisch neue Akzente setzt: Aus dem Haus Disney/Pixar schweben die Luftballons von „Oben“ ein. Der unterhaltsame Animationsfilm ist der erste Eröffnungsfilm, der überhaupt in 3D-Technik gezeigt wird. Auf die Fotos des elegant gekleideten Gala-Publikums mit 3D-Brillen auf den gepuderten Nasen darf man sich also wirklich freuen.

von Karin Zintz und Michael Schleicher

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