Musikalisch bemerkenswert: Beethovens „Fidelio“ in Augsburg

Leonores Mut

Es liest sich alles so schön im Programmheft zum neuen Augsburger „Fidelio“. Wenn Regisseur Karl Kneidl über die Entfremdung der Figuren spricht oder Hausherrin und Chefdramaturgin Juliane Votteler die revolutionären Elemente des nach wie vor hochaktuellen Stoffes hervorhebt.

Nur leider folgen diesem intellektuellen Diskurs kaum je Taten, die das Propagierte auch auf der kahlen Bühne sichtbar machen. Was Kneidl hier dem Zuschauer vorsetzt, wirkt mit seiner bemühten Zeitlosigkeit so vorhersehbar und konservativ, wie die Wiederaufnahme einer Produktion aus den Sechzigern. Da darf etwa Marzelline in bester Otto-Schenk-Manier das Bügeleisen schwingen, Florestan mit schweren Ketten rasseln und Don Pizarro in stramm sitzender Faschistenuniform den stereotypen Opernbösewicht markieren. Die vom Regisseur selbst entworfene Bühne ist dazu fast komplett leer geräumt und wird von einer halbrunden Mauer dominiert, die sich im Verlauf des ersten Aktes mehrfach in Zeitlupe um sich selbst dreht. Ehe sie schließlich zum Höhepunkt von Leonores Arie – in der die Liebe den Lauf der Welt ändert – symbolträchtig ihre Rotationsrichtung wechselt.

Mit dieser durchaus eindrucksvollen Konstruktion stellt sich Kneidl allerdings selbst ein Bein. Denn die nutzbare Spielfläche wird so auf einen schmalen Streifen reduziert, der den Bewegungsradius der Sänger empfindlich einschränkt und sie zum Singen an der Rampe verurteilt. Aufgebrochen wird die Starre erst im berühmten Gefangenenchor, der sich hier aus zerlumpten Dichtern und Denkern rekrutiert, und selbst religiöse Würdenträger sind im Hof des Gefängnisses. Eine Szene, die dank der Herren des Augsburger Chores ihre Wirkung nicht verfehlt. Wie überhaupt die musikalische Seite über manche szenische Leerstellen hinwegtröstet. Setzt der scheidende Generalmusikdirektor Rudolf Piehlmayer doch in seiner letzten Premiere auf Tempi, die das Geschehen meist zügig vorantreiben und nur selten ins Pathos abdriften.

Getragen wird der Abend aber vor allem von Titelheldin Sally du Randt, die durch ihr engagiertes Spiel berührt. Mag die Leonore für ihren metallisch glänzenden Sopran auch eine Spur zu tief liegen, meisterte sie dank sicherer Technik dennoch fast alle Klippen der Partie mit Bravour. Ähnliches gilt für Wolfgang Schwaningers Florestan, der durch seine intensive Gestaltung imponiert, und den im besten Sinne routinierten Rocco von James Moellenhoff. Blass bleiben lediglich der Pizarro von Christian Tschelebiew und Jan Friedrich Eggers (Minister). Wohingegen Sophia Brommer und Roman Payer das von der Regie vernachlässigte junge Paar des Stücks mit frischen, unverbrauchten Stimmen deutlich aufwerten.

von Tobias Hell

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4., 7., 14.6., 0821/324 49 00.

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