Klassik im Oberland

Millimeterarbeit im Dschungel

Die hochkarätig besetzten „Iffeldorfer Meisterkonzerte“ starten in ihre 20. Spielzeit

„Sie glauben ja gar nicht, wie gern die Stars in den Dschungel kommen!“ Und dann stellt man sich Lianen vor, in den Ästen kreischende Papageien oder womöglich sogar Maden verspeisende D-Promis. Aber Egbert Greven redet von anderem. Von Stars, die Sol Gabetta, Lars Vogt oder Hilary Hahn heißen. Und von einem Dschungel, mit dem eine 2500-Seelen-Gemeinde zwischen Starnberger See und Alpenkette gemeint ist.

Ein Geheimtipp ist dieser „Dschungel“ schon längst nicht mehr: Die „Iffeldorfer Meisterkonzerte“ stehen mittlerweile vor ihrer 20. Saison. Ein Name, der keinesfalls hochstapelt. Denn wen oder was Greven an die Osterseen holt, das alles lässt sich mit internationalen Kammermusik-Festivals messen. Und erzielt dabei eine Platzausnutzung, von der manch Veranstalter nur träumt.

Das Geheimnis: Iffeldorf hat gleich mehrere Lockstoffe zu bieten. Eine sanft gewellte Hügellandschaft, in die sich klischeehaft schön die Seen schmiegen und die folglich als das Kanada Bayerns durchgehen könnte. Einen Saal, der auch als Turnhalle dient, jedoch eine überraschend gute Akustik hat und dank seiner gläsernen Rückfront den Besuchern einen Blick auf dieses Idyll gestattet. Und einen Konzertveranstalter, der in Sachen Künstlerauswahl stets die richtige Witterung aufgenommen hat. Man denke etwa an das Quatuor Ebène, an die vier Popstars der Kammermusik, die Greven beim ARD-Musikwettbewerb erlebte und von da an immer wieder nach Iffeldorf holen konnte.

"Ein reiner Spinner“ sei er, sagt Egbert Greven vom „Förderverein Kulturbegegnungen an den Osterseen“ über sich. Und eben „ein begeisterter Hörer“. Vor über zwanzig Jahren kam dem Grafiker die Idee, Kammermusik mit renommierten Künstlern im Oberland zu veranstalten. Zunächst hatte er das Konzept für Penzberg gedacht. Doch dann wurde in Iffeldorf das Gemeindezentrum mit dem Landgasthof, vor allem mit dem neuen Saal eröffnet. Greven unterbreitete seine Vorschläge der Gemeinde – und stieß erst einmal auf Skepsis.

„Das hat anfangs von der Nachfrage ziemlich geholpert“, erinnert sich Greven. Ein Kultur-Wochenende mit Jazz und bildender Kunst wurde nicht recht angenommen, die folgenden Abende so lala verkauft. Doch mit drei Terminen war der Durchbruch geschafft: Es konzertierten Geigerin Viktoria Mullova, die Deutsche Kammerphilharmonie unter Thomas Hengelbrock, und Loriot trug seine Fassung des „Karneval der Tiere“ vor.

Irgendwann wurde der Bayerische Rundfunk auf den Kleinveranstalter aufmerksam. Und fortan parkte ab und zu ein Übertragungswagen neben dem Gasthof, um die Konzerte fürs Radio mitzuschneiden. „Es ist halt eine Millimeterarbeit“, umschreibt Greven sein Engagement, „ein vorsichtiges Eiern“. Was ihm dabei hilft: Im Laufe der Jahre bildeten sich Freundschaften zu vielen Künstlern heraus. Zu den Berliner Barocksolisten von den dortigen Philharmonikern zum Beispiel, die Greven auch schon einen Gegenbesuch in der deutschen Hauptstadt ermöglicht haben. Er muss sich also nicht mit Agenturen, CD-Firmen oder Tourneeplanern herumschlagen, die Stars schauen, so sie Zeit haben, gern vorbei.

Rund 120 Mitglieder zählt der Iffeldorfer Verein, die Veranstaltungsarbeit erledigen aber, wie es Greven ausdrückt, „maximal ein bis drei Leute“. Mittlerweile habe man auch „das Publikum erzogen“. Was bedeutet: Nicht nur Klassiker wie Mozart oder Haydn werden konsumiert, es kann schon einmal passieren, dass die Besucher nach einem Schostakowitsch-Opus oder sogar Zeitgenössischem von den Stühlen gerissen werden.

Sicher ist an alledem auch das Ambiente schuld. Nicht nur die Traumgegend an den Osterseen, sondern die Atmosphäre im Saal. Denn in einem Auditorium mit maximal 380 Plätzen sind eben viel intimere, berührendere Klangerlebnisse möglich als etwa im Münchner Herkulessaal. Dass auch die Eintrittspreise verführerisch sind, sei nicht verschwiegen: Dank großzügiger Sponsoren und kommunaler Mithilfe kosten die Karten nicht mehr als 23 Euro.

Eine „Eventisierung“ ist mit Egbert Greven aber nicht zu haben. Das „zu große Anbiedern“ mag er nicht, das „Herumfummeln“ an Klassikern, das Aufbrechen eines Beethoven-Werks etwa, um es mit anderem zu würzen, sowieso nicht. „Mixedpickles“ nennt Greven so etwas. Was ja auch angesichts der hervorragenden Küche im Landgasthof ein Frevel wäre.„Ich bin eben kein Freund von der Vermarktung mit Gemampfe und Champagner.“

von Markus Thiel

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