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Christoph Thielemann.

Münchner Philharmoniker: Konzerte in St. Petersburg

Vor einem guten Monat tourte das BR-Symphonieorchester nach St. Petersburg, nun war die innerstädtische Konkurrenz dran: Unter der Leitung von Christian Thielemann gaben die Münchner Philharmoniker zwei Konzerte in der Traumstadt an der Newa.

Für die Orgel hat’s noch nicht gereicht. Wer also im steil ansteigenden Parkett des Saales sitzt, schaut zwei Stunden lang auf ein Transparent, das mit gemalten Pfeifen den Zustand ab Herbst verheißt. Drei Jahre alt ist die Konzerthalle des Mariinsky-Theaters, verströmt sogar noch Holzduft à la Ikea-Markt, hat aber einen Makel: „Das geht auf die Gesundheit“, schimpft Thielemann. „Das kann ich nicht.“

Grund für den Empörungsausbruch des GMD: Es ist stickig und warm. Und das bei einem Star, der – so lästert manch Musiker – am liebsten im Kühlschrank dirigieren würde. Er konnte dann doch. Schon bei Schumanns „Ouvertüre, Scherzo und Finale“ huschte mehrfach ein Lächeln über Thielemanns schweißnasses Gesicht. Rudolf Buchbinder hämmerte zu Griegs Klavierkonzert energisch die Absätze in die Holzbühne, zauberte mit Thielemann eine Deutung fernab aller Virtuosenposen. Und nach Schumanns dritter Symphonie, die man als sehnigen Vollblüter vorführte, war alles reif fürs verbale Happy End.

„Wir verstehen uns blind“, schwärmte Thielemann beim anschließenden Essen. Eine musikalische Liebe auf den ersten Blick. Mit Rudolf Buchbinder funktioniere alles ohne Worte, worauf dessen Frau auf einen schmunzelnden Seitenblick des Pianisten in die Hymnen einstimmte: „Ich habe ja schon viele Konzerte gehört...“ Das fanden wohl die Petersburger auch. Kein Husten während der Musik, geklatscht wird dafür schon zwischen den Sätzen, am Ende rastet der Applaus schnell in einen Rhythmus ein. „Und ich dachte immer, das hätte was mit den Parteitagen zu tun“, wundert sich Thielemann.

Für deutsche Augen sehr locker gekleidet das Publikum. Kurzärmeliges bis zum T-Shirt ist keine Seltenheit, die Krawatte die Ausnahme. Während beim ersten Konzert der Saal ausverkauft ist, gibt es bei Bruckners Achter doch einige Lücken in den Reihen hinter der Bühne – zu exotisch für Petersburger Ohren?

Für die Philharmoniker war die Pfingsttournee ein Debüt: nach langer Zeit einmal wieder in St. Petersburg, diesmal aber im Mariinsky-Saal. Während Mariss Jansons und das BR-Ensemble in der traditionsreichen und zentral gelegenen Philharmonie gastierten, dort ein emotional aufgeladenes Heimspiel ihres Chefs feierten, spielten die Philharmoniker ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt das, was sie international einmalig macht: Deutschromantisches.

Der Trip an die Newa ist Auftakt einer Zusammenarbeit mit dem Mariinsky-Theater und Valery Gergiev, dem Zar des dortigen Musiklebens. Er hatte die Münchner zu seinem Festival „Stars der Weißen Nächte“ geladen, im Gegenzug bringt er zum Verdi-Requiem im Januar seinen Chor mit an die Isar. Ein Festival also passend zur Jahreszeit, wenn das Abendrot erst gegen Mitternacht den Himmel färbt und weit danach noch die klassizistischen Paläste in ein diffuses, graues Licht getaucht sind.

Zusammenarbeit mit Valery Gergiev

Bryn Terfel singt dort einen konzertanten „Walküren“-Wotan, Lang Lang spielt, und immer wieder gibt Gergiev den dirigierenden Rasputin. Ein Omnipräsenter, der zum zweiten Konzert der Philharmoniker gerade aus Mailand geflogen kommt und mit freundlichsten Worten vorgibt, er habe der kompletten Achten von Bruckner lauschen können. Die ist der Härtetest für die inzwischen heruntergekühlte Halle.

Ein Saal mit ungewöhnlicher Vorgeschichte. Früher war das schmale Gebäude ein Kulissenmagazin und bot Raum für Werkstätten. 2003 brannte es aus, und Gergiev holte den japanischen Star-Akustiker Toyota. Für im Westen fast läppische 24 Millionen Euro, davon übrigens zwei Drittel privat gesponsort, lieferte der Japaner ein Auditorium in hellem Holzschick und rot bezogenem Gestühl. Bauzeit: 16 Monate, wobei die beiden flankierenden Gebäude mit Hotel, Restaurant und Probebühne noch gebaut werden müssen. Auf der flexiblen Bühne werden sogar Opern gespielt, und aus den Wänden ragen unzählige Holzklötzchen: ein riesiges Jenga-Spiel, das beste akustische Ergebnisse liefert.

Der Klang im sehr hohen Raum kann atmen, ist fast schon überpräsent, geht gerade bei Bruckner nicht nur ins Ohr, sondern in den Bauch. Selbst extreme Dynamik schlägt nicht ins Dröhnen um, bleibt strukturiert – eine Akustik mit Suchtpotenzial. Und eine Akustik, die keinen „Schmutzfleck“ verzeiht. Folglich die beste Spielwiese für Feinmechaniker Thielemann und dieses so klangbewusste Orchester.

Wieder, vor allem im zweiten Bruckner-Satz, kommt es zu kaum mehr diesseitigen Momenten. Passagen, in denen Thielemann und das Orchester eins werden, dabei wie selbstverständlich in eine Komposition eintauchen und ihre Geheimnisse enthüllen: Ob überhaupt ein anderes Ensemble diese Literatur so spielen kann? Sehr langer Applaus, viele Bravi. Er denke bei solchen Aufführungen an den großen Mravinsky zurück, sagt Gergiev beim Empfang im Foyer. Was für ein Paar. Thielemann, abgekämpft und zufrieden, erscheint im grünen Polo-Shirt, Gergiev im gedeckten Blau und unverzichtbarem Zweieinhalb-Tage-Bart.

Später beim Essen entdeckt man dann doch Gemeinsamkeiten. „Wie Christian“ sei er in der Hauptstadt geboren, sagt Gergiev mit erhobenem Wodka-Glas. Und nun sei man eben in einer Metropole tätig, die sich als eigentliches Musenzentrum betrachte.

Ob der deutsche Kollege allerdings auf eine ähnlich lange Wirkungszeit kommt? Thielemanns siebenjähriger Vertrag steht kurz vor der Verlängerung. Im Juli entscheidet wohl Münchens Stadtrat über weitere fünf Jahre. Wie sich der Berliner an der Isar, nach kleinen Reibereien in dieser Saison, fühlt, war ja wieder in St. Petersburg zu hören. Oder, auf Thielemann-Art: „So was Dolles kriegen nicht mal die Wiener hin.“

Von Markus Thiel

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