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Christa Wolf – große Schriftstellerin und Zeitzeugin in einem geteilten Land.

Zwischen DDR und Bundesrepublik

Nachdenken über Christa W.

Symbolfigur für Deutschland: Die Schriftstellerin Christa Wolf feiert heute ihren 80. Geburtstag

„Ich aber sehe sie noch. Schlimmer: Ich verfüge über sie. Ganz leicht kann ich sie herbeizitieren wie kaum einen Lebenden.“ Das schreibt Christa Wolf 1968. Ganz am Anfang ihres berühmten Werks „Nachdenken über Christa T.“. Wie gehe ich mit Menschen, Figuren, wie gehe ich mit dem Schreiben selbst um? Das sind bis heute die wichtigsten Fragen der Schriftstellerin – sich Rechenschaft geben über das eigene künstlerische Tun. Auch über das moralische, das politische.

Mit der Wirklichkeit hatte es die Autorin, die als Christa Ihlenfeld im heute polnischen Landsberg an der Warthe am 18. März 1929 geboren wurde, schwerer als mit der Kunst. Die Realität stellte Fallen, ließ die Frau in Sackgassen laufen. Als Folge des Kriegs von Nazi-Deutschland musste die Familie schließlich vor der Roten Armee Richtung Westen fliehen. In Mecklenburg wurde man ansässig. Christa wuchs gewissermaßen in die DDR hinein. Im Abitur-Jahr 1949 trat sie in die SED ein, die sie erst 1989 wieder verließ. Ihre Hoffnung auf den antifaschistischen Arbeiter- und Bauern-Staat trieb sie sogar in die Fänge der Staatssicherheit, für die sie von 1959 bis 1962 (allerdings nur positive) Berichte schrieb. Aber schon ab Ende der 60er-Jahre wurde sie selbst bespitzelt.

Die studierte Germanistin war zunächst unter anderem Lektorin, bevor sie ab 1962 freie Schriftstellerin wurde. Sie hatte bereits 1951 Gerhard Wolf geheiratet. Das Paar bekam die Töchter Annette und Katrin. 1963 wurde die junge Dichterin mit dem Nationalpreis der DDR geehrt. Trotzdem konnte das Regime auf Dauer eine Person nur schwer akzeptieren, die Texte wie „Der geteilte Himmel“ (1963) oder „Nachdenken über Christa T.“ schuf. All das war viel zu nachdenklich, zu tastend und forschend, zu wenig selbstgewiss für einen Staat und eine Partei, die angeblich immer recht hatten. Der Konflikt mit der Obrigkeit brach offen aus, als Christa Wolf 1976 mit vielen anderen gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte. Sie wurde aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Trotzdem hielt sie an den Hoffnungen des Sozialismus fest – gerade während des Untergangs der DDR 1989 (Rede am 4. November „Sprache der Wende“). Fallen und Sackgassen eben. Dazu gehörten nach der Wiedervereinigung die heftigen Angriffe auf ihre Person, das Breittreten der Stasi-Verstrickung und ihrer „Verdrängung“. Die Frau, die immer wieder für den Literaturnobelpreis im Gespräch war, die hochgeschätzt wurde als Galionsfigur des Feminismus, des Sozialismus mit menschlichem Antlitz, die berühmte Künstlerin sollte vom Sockel geholt werden. Verständnislosigkeit und Häme herrschten.

Aus all diesen Gründen, durch diesen Lebensweg ist Christa Wolf, die heute 80 Jahre alt wird, eine Symbolfigur für unser Deutschland. Und zwar eine positive. Anstand bewahren trotz allem: Dass das möglich ist, zeigt sie. Innig damit verquickt ist ihr herausragendes literarisches Werk, ob das längst sprichwörtlich gewordene „Kein Ort.

Nirgends“ (1979) oder die Antikenbelebungen „Kassandra“ (1983) und „Medea. Stimmen“ (1996). Seitdem wurden ihre Texte knapper – aber vielleicht erscheint heuer im Herbst wieder ein veritabler Roman: „Stadt der Engel“. Auch darin wird die Schriftstellerin wieder sehr sorgfältig ihre Kunst ausforschen – und ihre moralische Haltung: „Nun ist ja Schreiben ein Sich-Herantasten an jene Grenzlinie, die das innerste Geheimnis um sich zieht und die zu verletzen Selbstzerstörung bedeuten würde, und es ist der Versuch, ... die ... anderen ,Geheimnisse‘ ... von dem Verdikt des Unaussprechlichen zu befreien, also nicht Selbstzerstörung, sondern Selbsterlösung zu betreiben.“ (aus: „Begegnungen Third Street“, 1995)

von Simone Dattenberger

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