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Gisela Stein.

Nachruf: Gisela Stein ist gestorben

Unerschrocken, unermüdlich, unerbittlich: Die große Schauspielerin Gisela Stein ist gestorben.

Gisela Stein auf der Bühne – das war eine schauspielerische Kostbarkeit. Das waren Augenblicke, in denen Sprache und Stimme, Körper und Kopf, Sinnlichkeit und Verstand zu fast vollkommener Einheit verschmolzen und doch die Grenzen dieser Vereinigung, die trennenden Abgründe dazwischen scharf, erschreckend und lustvoll aufzeigten. Das war große Kunst, nur selten verkünstelt – für sie das allerselbstverständlichste Theater. Selbst den Tod habe sie spielen können, sagte einmal Jens Harzer über die von ihm verehrte Kollegin.

„Es ging wirklich um Leben und Tod, um Gesundheit und Schwäche. Kaum eine Mitte auszumachen. Es war wohl so, dass an diesem Abend das Risiko der Darstellung an sich zum Ausdruck kam“, beschrieb Harzer sie als Penelope in Botho Strauß’ „Ithaka“ (Uraufführung 1996). Noch kostbarer mochten zuletzt Gisela Steins Auftritte am Bayerischen Staatsschauspiel erscheinen, weil sie sich rar gemacht hatte. Das hatte vielleicht damit zu tun, wie sie die Situation des zeitgenössischen Theaters erlebte. Sie wisse nicht, ob diese Art von Kunst noch gefragt sei, äußerte sie einmal, und vermisste eine gute neue Dramatik. Dass man sie immer weniger zu sehen bekam, mochte auch am „Koloss Residenztheater“ liegen, mit dem sie sich nie so richtig hatte anfreunden können. 2001 war sie ihrem Regisseur Dieter Dorn nach über 20 Jahren an den Münchner Kammerspielen auf die andere Straßenseite ins Bayerische Staatsschauspiel gefolgt.

Nicht zuletzt zog sie sich auch zurück, weil sie an den Spätfolgen eines Autounfalls litt, den sie 1983 schwer verletzt und nur knapp überlebte. Und schließlich: „Ich will nicht auf der Bühne sterben“, verkündete sie bereits vor Jahren. Bei aller Liebe zum Theater wusste sie doch: „Die Welt, die mich ausmacht – das ist noch so viel mehr...“ Und dass die Stein – so darf man sie ehrenhalber wohl nennen – keine halben Sachen macht, schon gar nicht auf der Bühne, verstand sich von selbst. Am Montagabend ist Gisela Stein, die in ihrem Spiel sogar den Tod zu ihrem Verbündeten machen konnte, mit 74 Jahren gestorben. Anfang 2008 war sie zuletzt mit der „Schrift“ aufgetreten, ihrer 2002 begonnenen Bibellesung. Obwohl sie häufiger von Abschied gesprochen hatte, um woanders noch einmal etwas Neues zu probieren, Bildhauerei zu betreiben oder ihr Haus im hohen Norden zu genießen, hatte sie Dorns Bühne doch nie ganz verlassen. Mit ihm verbindet sie eine lange, gemeinsame, einander beflügelnde, aber auch fordernde Karriere. Die beiden schenkten sich nichts: „Wir haben uns in einem ununterbrochenen künstlerischen Streit befunden, positiv und von gegenseitigem Respekt und Zuneigung geprägt.

Die Begegnung mit ihr war eine der wichtigsten meines Theaterlebens“, ruft er seiner großen Protagonistin nach, die zugleich eine Ensembleschauspielerin war und sich für keine Nebenrolle zu schade, im Gegenteil. Dass sie, die Sprache betreffend, „bis zum Äußersten“ ging, schätzte er. Nach gemeinsamer Zeit in Berlin hatte er sie 1980 an die Kammerspiele geholt. Hatte sie als „Iphigenie“ besetzt, woraufhin ihr die Münchner zu Füßen lagen. Mit ihrer „kalten Aktivität“, wie sie es selbst nannte, erfüllte sie die Königin Ginevra in Tankred Dorsts „Merlin oder Das wüste Land“, Racines Phädra und Kleists Penthesilea, Becketts Winnie in „Glückliche Tage“ und Atossa in Aischylos’ „Die Perser“, Penelope in Strauß’ „Ithaka“ und Euripides’ „Hekabe“, schließlich auch am Residenztheater die Chorführerin in Euripides’ „Bakchen“ und Lissie in Strauß’ „Die eine und die andere“. Nur ihre oft gewünschte Traumrolle bekam sie nie, den „Richard III.“, dabei hätte man sich gut vorstellen können, wie sie mit ihrer eigenen Widersprüchlichkeit, ihrem Talent, die Brüchigkeit des Lebens und die Einheit alles Brüchigen auszudrücken, die Rolle des verführerisch Bösen beseelt.

Dass sie Schauspielerin werden musste, war ihr von Kindheit an klar. Im heute polnischen Swinemünde wurde sie am 2. Oktober 1934 als Tochter eines Seemanns geboren. 1952 begann sie in Wiesbaden eine Schauspielausbildung, schon ab 1953 bekam sie Engagements, um dann von Erwin Piscator nach Essen geholt zu werden. 1960 ging sie nach Berlin, Hans Lietzau wurde ihr Mentor, Fritz Kortner und Niels-Peter Rudolph prägten sie. Dass sie immer unverhohlen ihre Meinung sagte, stritt und zur Not auch mal ohrfeigte, zu ihrem Leidwesen als unnahbar galt und damit jüngere Regisseure abschreckte, ist kein Geheimnis. Denn sie hat keines daraus gemacht. Sie war eine Akteurin im besten Sinne, unbequem, unerschrocken und unermüdlich, unerbittlich bei der Sache, ihrer Sache. „Immer im Dienst des Theaters“, wie es Dorn formuliert. Nur der Tod konnte sie dazu bringen, es wirklich zu verlassen.

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