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Donna Leon in Venedig.

Der neue Leon-Krimi: „Das Mädchen seiner Träume“

„Das Mädchen seiner Träume“ - am Freitag kommt Donna Leons 17. Venedig-Krimi heraus. Eine Buch-Kritik.  

Anfang und Ende – auf Venedigs Friedhofsinsel San Michele. Unter den Zypressen dieses Campo santo haben eine alte Frau und ein junges Mädchen ihren Frieden gefunden. Ein erfülltes und ein missbrauchtes Leben haben sich vollendet. Findet Donna Leons Commissario Brunetti bei seinem 17. Fall, „Das Mädchen seiner Träume“, schon auf der Beerdigung seiner Mutter am Beginn des neuen Kriminalromans nur mit Mühe Trost, bleibt bei der Beisetzung am Schluss nur Trostlosigkeit. Der Tod dieses Kindes, da lässt die amerikanische Autorin (Jahrgang 1942) ihren Lesern keine Happy-End-Ausflucht, bleibt ungesühnt und wird auch nicht dazu führen, dass andere Kinder besser vor Gewalttaten geschützt werden.

Zunächst aber führt Leon, die seit 1981 in Venedig lebt, ihre Fans in die Irre. Auf dem Friedhof war Brunetti einem Schulfreund seines Bruders begegnet, der Priester geworden war und lange in Afrika gearbeitet hatte. Dieser Antonin sucht den Kriminaler in seinem Büro in der Questura auf. Ein christlicher Sektierer treibe sein Unwesen, sammle einen Haufen Geld ein. Da der Polizist schon als Kind Antonin nicht mochte und obendrein eine Aversion gegen die Amtskirche hat, ist er skeptisch. Private Ermittlungen sind ohnehin nicht statthaft. Dennoch beginnt Guido Brunetti, in diesem möglichen Betrugsfall herumzustochern. Doppelmoral und Ausbeutung sind die Kennzeichen, wobei Leon die brutalen Verwerfungen auf dem Schwarzen Kontinent einbezieht. Ein Thema, das sie bereits intensiv in „Blutige Steine“ angesprochen hatte. Doppelmoral und Ausbeutung in schlimmster Form prägen dann auch den eigentlichen Fall.

„Seide! Es fühlte sich an wie Seide. Brunetti schlang seine Finger um die Strähnen und zog sachte daran. Er spürte keinen Widerstand und zog, während er sich aufrichtete, das Geflecht mühelos näher. Als es so dicht herangetrieben war, dass er eine Stufe höher steigen konnte, breiteten die Seidensträhnen sich aus und umschlossen sein Handgelenk.“ Ein zartes, blondes Mädchen treibt tot im Kanal. Starb es durch Unfall, Mord, unterlassene Hilfe? Die Obduktion lässt alle Möglichkeiten zu. In den Schürfwunden wurde Ziegelmaterial gefunden, und in Unterhose und Vagina kleine Schmuckstücke. Brunetti und sein Team nehmen also an, auch aufgrund ihrer Kleidung, dass die Kleine zu Klau-Kindern gehörte, die von Erwachsenen auf Beutezüge gezwungen werden. Auf der Flucht aus einer Wohnung ist sie wahrscheinlich vom Dach in den Kanal gestürzt und ertrunken.

Noch eine Entdeckung des Pathologen erschüttert den Commissario so sehr, dass das Mädchen in seinen Albträumen auftaucht: Sie wurde lange sexuell missbraucht und litt an einer Geschlechtskrankheit. Mühsam wird das Roma-Kind als Ariana Rocich identifiziert. Donna Leon schildert, wie so oft, die Amoral in den Kreisen der einflussreichen Venezianer, prangert den Filz an. Sie begibt sich diesmal allerdings auch auf das gefährliche Feld der Vorurteile gegen „Zigeuner“. Sie lässt zwar ihre Figuren Für und Wider fremdenfeindlicher Klischees diskutieren, unterstreicht aber durch ihre Geschichte doch, dass die Landfahrer eine eigene Gemeinschaft bilden, die das Recht des Gastlandes nicht achtet.

Die Schriftstellerin argumentiert recht pauschal, was insbesondere bei uns in Deutschland, wo in der Nazizeit Roma und Sinti ausgelöscht werden sollten, abstoßend wirkt. Leon versucht vor allem herauszuarbeiten, dass in jener Ethnie Frauen und Kinder unterdrückt und ausgebeutet werden. Wenn dann ein „Zigeuner“ zum Verbrecher wird, leiden die Angehörigen doppelt: wie das blonde Mädchen, das nicht einmal vermisst gemeldet wird, für dessen Beerdigung Venedig aufkommen muss, das nicht von einem einzigen Mitglied der Familie auf den Campo santo von San Michele begleitet wird. Nur Brunetti und sein Kollege Vianello sowie Padre Antonin geben dem Kind mit dem Seidenhaar das letzte Geleit.

Von Simone Dattenberger

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