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Seinen Berufswunsch „Unterhaltungsschriftsteller“ hat sich Oliver Pötzsch inzwischen erfüllt.

Oliver Pötzsch: Der Scharfrichter-Schriftsteller

Wenn Oliver Pötzschs Großmutter früher ihren Enkeln beim Spielen zusah, versuchte sie manchmal an den Kindern zu erkennen, welches „ein echter Kuisl“ sei, und welches „koa Kuisl“.

Denn die Kuisls, Pötzschs Vorfahren mütterlicherseits, sind ein traditionsreiches Geschlecht und lassen sich zurückverfolgen bis ins 16. Jahrhundert. Im 17. und 18. Jahrhundert finden sich in der Ahnenreihe einige Männer mit schauerlich interessanten Berufen: Henker und Scharfrichter in Schongau. Die Großmutter wusste den Kindern viele Geschichten zu erzählen von den Verwandten.

Heute ist Oliver Pötzsch Autor zweier historischer Romane über „Die Henkerstochter“ und bei Lesungen erklärt er dem Publikum, welches die verbrieften Eigenschaften eines echten Kuisl sind: „Hakennase, gebogene Fingernägel, behaart“. Die Charaktermerkmale: „musisch, kontaktarm, rührselig und mitunter brutal“.

Pötzsch lacht, wenn er das sagt, denn auf ihn trifft das nicht zu. Er ist ein fröhlicher, offener Familienvater, 1970 geboren, lebt mit Frau und zwei Kindern in München-Laim. Schriftsteller wollte er eigentlich schon immer werden, sagt er, „nicht wie Thomas Mann , sondern Unterhaltungsschriftsteller“. Aber wie wird man das? Nicht durch ein Germanistikstudium, stellte er nach einem Semester fest. Er ging auf die Journalistenschule und lernte dort zwar auch nicht, wie man Schriftsteller wird – aber dafür anderes Nützliches: Als Journalist arbeitet er fürs Radio und die Sendung „quer“ im Bayerischen Rundfunk. Dann entdeckte er das Archiv seines Verwandten Fritz Kuisl, dem mittlerweile verstorbenen Cousin seiner Großmutter. In Karteikästen waren dort die Namen seiner Vorfahren notiert. Als einem Familienmenschen sei ihm das nahegegangen, erzählt Pötzsch, als er die Jahrhunderte durchging – und auf der letzten Karte den Namen seines Sohnes fand.

Deshalb will er auch seinen Kindern beibringen, dass eine Familie „mehr ist als nur Vater und Mutter, dass sie eine große Gemeinschaft sein kann, ein Hort der Geborgenheit – und ein unendlicher Fundus von Geschichten“, wie er im Nachwort seines zweiten Buches schreibt. Im Material des Fritz Kuisl fand sich auch viel über die Scharfrichter. Pötzsch recherchierte und nachdem er einen Radiobeitrag über das Handwerk der Henkerei gemacht hatte, merkte er, dass so ein Henker eine schillernde, spannende Romanfigur sein könnte.

Er erinnerte sich seines Berufswunsches und schrieb „Die Henkerstochter“. Tatsächlich ist der Henker Jakob Kuisl im Roman ein facettenreicher Charakter: Natürlich ein Brocken von einem Mannsbild mit gewisser, berufsbedingter Härte. Aber kein blutrünstiger Grobian, Jakob Kuisl hat durchaus Prinzipien und Berufsehre. Zudem zeigt er Mitgefühl mit seinen Delinquenten, freilich nur im Rahmen der Möglichkeiten. Wie alle seine Kollegen im Spätmittelalter ist er auch Heiler, kundig im Umgang mit Kräutern und Arzneien: Für Oliver Pötzsch war es eine aufregende Entdeckung, dass in Zeiten , in denen es noch keine professionelle Medizin gab, der Berufsstand, der sich mit dem Töten am Besten auskannte, sich auch aufs Leben erhalten verstand. Dennoch wurden die Henker aus der bürgerlichen Gemeinschaft ausgeschlossen. Sie galten als unsauber und ihr Wissen war den Leuten unheimlich.

Die historisch verbürgten Tatsachen, hat Oliver Pötzsch mit spannenden Romanhandlungen verflochten – auch in der gerade erschienenen Fortsetzung seines Debüts, „Die Henkerstochter und der schwarze Mönch“. Jakob Kuisl , seine Tochter Magdalena und deren Geliebter Simon kommen da durch Zufall dem Schatz der Tempelritter auf die Spur. Dass es in Altenstadt bei Schongau einmal eine Niederlassung des Templer-Ordens gegeben hat, ist verbürgt. Der Kreisheimatpfleger von Schongau hat Pötzsch davon erzählt und ihm eine Urkunde gezeigt, auf der verzeichnet ist, dass der „Provinzmeister des Templerordens im Deutschen Reich“ einige Güter an das Kloster Steingaden verkauft hat. Vom Rest der Geschichte ist viel erfunden.

Der erste „Henkerstochter“-Roman war ein großer Erfolg. Immer noch rufen Leser beim Autor an, die selbst Ahnenforschung betreiben. Manchmal sogar welche, die dabei ihre entfernte Verwandtschaft zur Kuisl-Sippe entdeckt haben. Seine Familie sei „auf seltsame Weise ins schier Unendliche gewachsen“, sagt Pötzsch. Vormittags, wenn sein Sohn in der Schule und seine Tochter im Kindergarten ist, schreibt er schon an einer weiteren Fortsetzung. Diese spielt in Regensburg , verrät er, wo im 17. Jahrhundert der Immerwährende Reichstag tagte und sich ein interessantes politisches Milieu entwickelte. „Ein bisschen wie in Brüssel heute.“ Die Henkerstochter Magdalena Kuisl wird auch da mit mancher Widrigkeit zu kämpfen haben. Tapfer, pfiffig und zäh, wie sie halt sind, die Kuisls im Roman. Und ein bisschen vielleicht auch die in der Wirklichkeit.

Oliver Pötzsch: „Die Henkerstochter und der schwarze Mönch“. Ullstein Verlag, 526 Seiten; 9,95 Euro.

von Marie Schmidt

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