Poesie als sportliches Spiel

„Poetry in Motion“: Heute startet die neueste Slam-Veranstaltung im Münchner Lyrik-Kabinett

Liebe zu Lyrik endet bei den meisten Menschen, bevor sie überhaupt begonnen hat: an einem Tag, an dem sie schon dreizehn Klassenkameraden zugehört haben, wie sie eifrig atemlos oder schamhaft vernuschelt „Der Frühling lässt sein blaues Band“ vorgetragen haben. Selbst aufgerufen, kauen sie trostlos an den Worten herum, die schon viel zu oft bemüht wurden. Um dieses Schülertrauma vergessen zu machen, um ein breites Publikum für gesprochene Texte zu begeistern, braucht es Popstars der Poesie, Leute die ihre Texte lieben, in ihnen leben, sie vorführen. So jemanden wie Robbie Williams, nur nicht als Sänger, sondern als Dichter.

Der Poetry-DJ als Vorkämpfer

Das sagt Rayl Patzak, der ein unermüdlicher Kämpfer ist, für Dichtung abseits der Dichterlesung. Sein Beruf: Poetry-DJ. Patzak legt Platten mit gesprochenem Wort auf, mischt sie mit Musik und bringt Shakespeare und Goethe auf die Tanzfläche. Die Verwandtschaft dieser Sprach-Musik mit amerikanischem Hip-Hop ist hörbar. Und sichtbar an Patzaks Outfit: Baseball-Käppi, Sakko und Hose ein bisschen größer als gewöhnlich. In München ist Rayl Patzak, zusammen mit seinem Freund Ko Bylanzky, so etwas wie der Vater der Poetry-Slam-Szene.

„Slam“ ist das englische Verb für „bolzen“ oder „jemanden niedermachen“. Poetry-Slam ist Dichterwettstreit mit festen Regeln: begrenzte Redezeit, gesungen wird nicht, den Gewinner bestimmt eine Jury oder die Lautstärke des Applauses. Poesie als sportlicher Wettkampf. 1996 haben Patzak und Bylanzky, inspiriert von amerikanischen Vorbildern, einen monatlichen Poetry Slam im Münchner Substanz ins Leben gerufen. Erst wusste niemand mit dieser Veranstaltung etwas anzufangen. Jahrelang standen Patzak und Bylanzky jeden Monat selber an der U-Bahn-Haltestelle vor dem Germanistik-Institut und verteilten Flyer.

Mittlerweile ist der Slam eine Berühmtheit und immer überfüllt. Die streitenden Dichter kommen aus der ganzen Welt ins Substanz, um dort zehn Minuten lang ihren Text nicht vorzulesen, nein: zu leben, zu performen, zu sein. Was sie sagen, verschwindet oft ganz hinter der Materialität der Sprache. Die Worte rattern, wummern, sirren, schwirren und knallen. Die Poesie ist da mehr ein physisches Erlebnis als ein intellektuelles, und das ist der Sinn der Sache. Wer würde schon bei Robbie Williams zuerst auf die Texte achten. Poetry-Slams sind keine Geheimtipps mehr.

Slam-Profis und die Amateure

Der WDR sendet einen regelmäßigen TV-Slam, der Pay-TV-Sender Sat.1-Comedy bringt die „Slam Tour mit Sarah Kuttner“. Große Marken wie Puma und BMW veranstalten Slams. Jeder erfolgreiche Slamer hat eine CD-Veröffentlichung vorzuweisen oder ein Buch. Jüngst erschien „Das Leben ist keine Waldorfschule“ von Mischa-Sarim Verollet, bekannt aus dem Fernsehen und von nationalen Slams. So ein Text, Schwarz auf Weiß, zwischen Buchdeckeln macht die Idee der gelebten Poesie natürlich zunichte. Verollets Buch zeigt, wie die Texte ohne seine Performance zusammenschnurren zu belanglosen kleinen Schwänken. Abends in einer Kneipe hätte man sich über die Geschichte von Verollets Vorhautverengung vielleicht amüsiert, wenn er sie lustig erzählt hätte.
Die Abende im Münchner Substanz sind in dieser Hinsicht ungefährlich.

Auf die Bühne darf nur, wer schon einen Namen hat in der Szene. Den muss man sich erarbeiten. Wenn der Slam im Substanz so etwas wie die Profi-Liga ist, dann spielen bei der „Kiezmeisterschaft“ im Westend die Amateure. Jeder der sich traut, darf in der „Kiezkneipe“ Stragula auf die Bühne, hat aber nur fünf Minuten Zeit, sein Publikum zu überzeugen. Und rutscht, wenn er gewinnt, vielleicht eine Liga weiter. Die U20-Mannschaft der 14- bis 20-Jährigen trifft sich in der Schauburg am Elisabethplatz jeden Montag mit einem Trainer zum Slam-Workshop. Das haben, wie die meisten Spoken-Word-Veranstaltungen in München, Rayl Patzak und Ko Bylanzky organisiert. Heute startet ihre neueste Veranstaltungsreihe an einem Ort, der für Poesie-Fans keine Entdeckung sein wird: dem Lyrik-Kabinett, einer kleinen Bibliothek in einem verwunschenen Hinterhof in der Amalienstraße.

Bei „Poetry in Motion“ treten monatlich drei Spoken-Word-Stars auf – ohne den Trubel des Wettkampfes, als „poetisches Clubbing“ mit Patzaks DJ-Set. „Mit Performance-Poeten und Poetry-Slams verhält es sich so ähnlich wie mit Rittern und Ritterspielen“, sagt Rayl Patzak. So ein Ritter sei auch nicht nur in den Wettkämpfen Ritter gewesen. Und ein Poesie-Ritter lebt eben nicht nur für den Wettstreit. Sondern für seinen Text und die Aufführung.

von Marie Schmidt

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