"Beim ersten Mal ging’s noch schief"

Jugendliche Musical-Stars vor der Premiere

Zwei Musicals feiern in dieser Woche ihre Münchner Premiere, "Rent" im Prinzregententheater und "Footloose" am Gärtnerplatz. Das Besondere dabei: Bei beiden steht der Nachwuchs im Mittelpunkt.

Es ist schon so eine Sache mit dem "Type-Casting". So hat sich etwa der Operngänger schon lange damit abgefunden, dass Madame Butterfly selten japanische Gene mitbringt und Otello vom Maskenbildner die richtige Hautfarbe verpasst bekommt. Mit diesem Problem steht die Oper keineswegs allein da. Auch in Musicals wie "Grease" begegnen uns oft gestandene Endzwanziger der Marke John Travolta, die mit notdürftig überschminktem Bartschatten auf der Bühne noch einmal die Schulbank drücken.

Damit ist jetzt Schluss. Zumindest am Gärtnerplatz, wo sich das Jugendensemble des Staatstheaters mit dem Publikumsrenner "Footloose" an sein erstes Musical wagt. Für Projektleiter und Regisseur Holger Seitz ergibt sich hier die seltene Gelegenheit, eine Geschichte über die Freuden und Leiden des Teenager-Daseins endlich altersgerecht zu besetzen. "Wir hatten dafür das umgekehrte Problem mit den erwachsenen Figuren im Stück. Aber auch das haben wir inzwischen gelöst."

Mit der Mischung aus Gesang, Tanz und Schauspiel ist "Footloose" bisher das ehrgeizigste Projekt des "Jungen Theaters am Gärtnerplatz". Seitz und Dirigent Liviu Petcu haben absolutes Vertrauen in ihre hochmotivierten Nachwuchsdarsteller: "Die wissen alle ganz genau, worauf es ankommt und helfen sich gegenseitig. Teilweise proben die sogar ohne uns weiter."

Wie etwa der 17-jährige Gregor Schleuning, der seine erste große Rolle vor zahlendem Publikum spielen wird. "Wenn ich daran denke, dass der Vorhang aufgeht und die ganzen Leute da sitzen, krieg ich einen Riesenbammel." Aber trotzdem: "Vorstellen könnte ich mir schon, so etwas später mal zu machen." Genau wie Lena Fleck, die am Gärtnerplatz eigentlich ein kulturelles Jahr absolviert, aber dank ihres stimmlichen Talents gleich für eine Rolle "zwangsverpflichtet" wurde. "Ich würde gerne mit Gesang weitermachen; aber ob es reicht, muss ich erst mal schauen." Wo Lena und Gregor noch etwas Zeit haben, um über ihre Zukunft nachzudenken, ist für die Musical-Studenten der Bayerischen Theaterakademie der Weg bereits vorgezeichnet.

Nach vier Jahren harter Ausbildung steht dort unter anderem Thorsten Ritz vor seinem Abschluss und darf sich zuvor noch in der Produktion des Kult-Musicals "Rent" in einer der beiden Hauptrollen beweisen. Angefangen hat auch bei ihm alles mit einer Laiengruppe und mit der "West Side Story". "Ich hatte keine Vorbildung und habe erst mit 21 angefangen, all das zu lernen, was man braucht. Drei Jahre lang habe ich dann versucht, bei allen möglichen Schulen aufgenommen zu werden. Kurz bevor ich aufgeben wollte, hat es hier endlich geklappt." Glatt lief es auch bei Bühnenpartner Karsten Kenzel nicht auf Anhieb. "An der Akademie bin ich eher zufällig gelandet, weil eine Freundin meinte, ich soll doch zur Aufnahmeprüfung mitkommen. Beim ersten Mal ging’s noch schief. Nachdem ich mich ein Jahr lang intensiv vorbereitet hatte, hab’ ich’s noch mal versucht - und jetzt bin ich hier."

Selbst wenn beide im Gespräch zum Tiefstapeln neigen - auf ihre Ausbildung können sie sich etwas einbilden. Derzeit findet sich nämlich kaum eine deutsche Großproduktion ohne Münchner Absolventen. Die Zeiten, in denen die Konkurrenz aus England oder den USA radebrechend die Bühnen dominierte, gehören längst der Vergangenheit an.

"Rent"-Regisseur Stefan Huber, der nach 2001 zum zweiten Mal am Prinzregententheater Musical inszeniert, bestätigt das. "Ich glaube, dass in den letzten Jahren Entscheidendes an deutschen Musicalschulen passiert ist. Zum Glück gibt es viel mehr Möglichkeiten, nach der Ausbildung einen Job zu kriegen. An den Theatern sickert langsam durch, dass man Musical nicht nur mit Opernsängern besetzen sollte, wenn man es wirklich gut machen will."

Da stimmt ihm auch Toralf Vetterick zu, der seit zehn Jahren Münchens zweite Talentschmiede, die Abraxas Musical Akademie, leitet. "Wir arbeiten nicht nur fürs Musical. Ich sehe das mehr als Allrounder-Ausbildung für vieles andere. Es schadet ja nicht unbedingt, wenn sich ein Sänger auf der Bühne auch bewegen kann."

Tobias Hell

Die Aufführungen:
"Rent"-Premiere im Prinzregententheater am 17. März;
"Footloose"-Premiere am kommenden Freitag im Gärtnerplatztheater;
Karten: 089/ 21 85-19 20.

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