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Die Schauspieler Michael von Au (in der Rolle des James Tyrone Jr. - l-r), Manfred Zapatka (als Phil Hogan) und Anna Schudt (als Josie Hogan) spielen im Residenztheater bei der Fotoprobe des Stücks "Ein Mond für die Beladenen".

Premiere

Wenn der Vater mit der Tochter

Das Bayerische Staatsschauspiel setzt seine Forschungstour durch die englischsprachige Dramatik fort. Thomas Langhoff inszenierte fürs Residenztheater Eugene O’Neills Drama „Ein Mond für die Beladenen“.

Nicht nur der alte Shakespeare soll’s sein, nicht nur die heutzutage angesagte Sarah Kane, nein, auch George Bernard Shaw („Androklus und der Löwe“) oder Arthur Miller („Tod eines Handlungsreisenden“) kommen auf die Bühne. Und nun hat es auch noch Eugene O’Neills Stück „Ein Mond für die Beladenen“ (Übersetzung von Leonardi und Eckstein) ins Residenztheater geschafft. Am Donnerstag war Premiere (zweieinviertel Stunden). Die wurde aber weniger wegen dieses seltsam unentschiedenen Dramas mit Spannung erwartet, sondern weil die Münchner Theaterfans endlich wieder „ihren“ Manfred Zapatka erleben durften. Unvergessen als eine der großartigsten „Säulen“ von Dieter Dorns Kammerspiele-Ensemble. Einer, der alles spielen kann – vom Helden bis zum Tölpel, vom Intellektuellen bis zum Handwerker, vom stählernen Brutalo bis zum saukomischen Kerl.

Nun also setzten ihn das Staatsschauspiel und Regisseur Thomas Langhoff als polternden Pächter und Papa Phil Hogan ein in „Ein Mond für die Beladenen“ (1943). Bei O’Neill (1888-1953) spielt die Geschichte im Jahr 1923. An seiner Seite Resi-Hochkaräter wie Anna Schudt als Tochter Josie und Michael von Au als Verpächter, Freund und verlotterter Broadway-Schauspieler James Tyrone. Ein Team also, das Dampf machen kann und zugleich die Seelen- und Gefühlsschattierungen der Figuren feinfühlig nuanciert. Im Residenztheater ist folglich kein großer Theaterabend zu erleben. Dafür einer, der unprätentiös gutes Bühnenhandwerk zeigt, niveauvoll unterhalten will – und das ist durchaus nicht abwertend gemeint. Im Übrigen liegt gerade dieses Stück mit seinen Figuren zwischen Big-Brother-Prols, Komödienstadel-Schlitzohren und gebrochenen Charakteren, als kämen sie von Strindberg und Tschechow auf USA-Besuch, durchaus einem fernsehgewohnten Publikum. Inklusive allerhand simpler, aber rührender Psychologie: Immerhin sucht Tyrone in allen Frauen nur seine Mutter, die kürzlich gestorben ist. Josie liebt ihn zwar, und Hogan unterstützt das, dennoch bleibt nur das Vater-Tochter-Paar als lebensfähige Gemeinschaft übrig.

Langhoff lässt all das sauber vom Blatt spielen, findet jedoch keinen Zugang zu weiteren Ebenen, die beim Autor vorhanden sind, die der aber plötzlich ignoriert. Etwa die für damals erstaunliche Emanzen-Haltung Josies („Ich tu meine Arbeit, verdiene mir mein Brot und hab ein Recht auf meine Freiheit.“) und ihre auch physische Gleichstellung mit Männern. Sie raubt ihnen wie eine Frauen-Gestalt aus dem Mythos die Macht.

Das Bühnenbild von Stefan Hageneier schiebt sich weit in den Zuschauerraum. Das Häuschen der Hogans ist reduziert auf eine weiß-rot gestreifte Wand und drei Holztreppenstufen. Mülltüten, Kleidung und eine jener riesigen Highway-Reklametafeln versetzten den „Mond“ zu den Beladenen von heute. Auf der Werbefläche erscheinen im Wechsel Aufnahmen, inspiriert von jener Doku-Fotografie, die auf die trostlosen Ecken Amerikas schaut. Warum Hageneier die Frau mit lächerlichen Klamotten (Ganzkörper-Männerunterwäsche, schrilles Babydoll-Kleidchen) und Wuschel-Perücke denunziert, bleibt im Übrigen unerklärlich.

Anna Schudt erspielt ihr dennoch – allerdings in der Premiere noch sichtlich angespannt – Würde und Menschlichkeit, ob sie mit Vater, Tyrone und Bruder (gut: Frederic Linkemann) streitet oder sie bemuttert. Wirklich intensiv wird die Schauspielerin, wenn sie Stille zulassen darf, wenn sie den Weg der Liebe zu dem verzweifelten Tyrone sucht und wenn sie dann akzeptiert, dass kein Weg zu ihm führt. Schudt zeigt hier ganz, ganz schlicht: Josie ist ein emanzipierter Mensch, wie ihn sich die Aufklärung erträumt hat.

Manfred Zapatka als der eine Hauptpartner gibt souverän den Suffkopf – immer eine dankbare Show auf der Bühne –, den liebevollen Intriganten, den theatralischen Geschichtenerzähler und den verschämt fürsorglichen Papa. Das Geplänkel mit dem arroganten Nachbarn, einem feinen Pinkel (Marcus Widmann), ist allerdings holprig gespielt und inszeniert. Michael von Au als zweiter Hauptpartner Schudts zeichnet – ohne Über-Zeichnung – den Untergeher Tyrone. Besonders schön, wie er an Josies Brust zum Kind wird, wie er spüren lässt: Das ist die einzige Daseinsform, die dieser eben nicht emanzipierte Mann leben könnte. Freundlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen am 3., 4.6., 089/21 85 19 40.

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