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Münchner Kammerspiele.

Risikoforschung auf der Bühne

Die Münchner Kammerspiele im Übergang: Intendant Frank Baumbauer geht im Sommer, Nachfolger Johan Simons steht erst ab kommendem Jahr bereit. In der nächsten Spielzeit leitet daher ein dreiköpfiges Direktorium die städtische Bühne. „Sicher ist sicher“ lautet ihr Motto

Der richtige Ausdruck für das, was jetzt auf die Kammerspiele zukommt, wäre „Interimsspielzeit“. Denn in der Saison 2009/10 ist die städtische Bühne ohne Intendant. Nur: Eben dieses Wort mögen die nun Verantwortlichen – aus verständlichen Gründen – nicht sonderlich, haftet ihm doch etwas Flüchtiges, Unwirkliches, Nicht-Ernstzunehmendes an. „Wir sagen hier im Haus lieber ,unser aller Spielzeit‘“, berichtet daher auch Julia Lochte.

Die Münchner Kammerspiele in der Spielzeit 2009/2010

„Platonow“ von Anton Tschechow; Regie: Stefan Pucher (24. September 2009)

„Familienbande“ von Lola Arias (25. September 2009)

„Sicherheitskonferenz“ von Stefan Kaegi, Rimini Protokoll (22. Oktober 2009)

„Konzert zur Revolution“ von Schorsch Kamerun (24. Oktober 2009)

„Das letzte Band / Bis dass der Tag euch scheidet oder Eine Frage des Lichts“ von Samuel Beckett und Peter Handke; Regie: Jossi Wieler (30. Oktober 2009)

„Späte Nachbarn“ nach Geschichten von Isaac B. Singer; Regie: Alvis Hermanis (November 2009)

„Belagerungszustand“ von Albert Camus; Regie: Christoph Frick (Dezember 2009)

„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams; Regie: Sebastian Nübling (Januar 2010)

„Bonnie und Clyde“ von Barbara Weber (Februar 2010)

„Der Krieg“ von Carlo Goldoni / Heinrich von Kleist; Regie: Armin Petras (März 2010)

„2012 – Das Ende der Welt“ von Chris Kondek (März 2010)

„Nachtasyl“ von Maxim Gorki; Regie: Karin Henkel (April 2010)

„Sold Out“ von Gianina Cãrbunariu (April 2010)

Die gebürtige Hamburgerin, seit 2006 als Chefdramaturgin an den Kammerspielen, wird gemeinsam mit Christiane Schneider, künstlerische Referentin seit 2001, und Siegfried Lederer, der ebenfalls seit 2001 geschäftsführender Direktor des Hauses ist, die städtische Bühne leiten. Die drei vorübergehenden Chefs verstehen sich als „Brückenbauer“ zwischen der achtjährigen Intendanz Baumbauers und der von Johan Simons, die mit der Spielzeit 2010/11 beginnt. Alle drei seien „langjährige Weggefährten“ des scheidenden Intendanten gewesen – und würden auf Wunsch Johan Simons auch dessen neuem Team angehören, erklärt Lederer.

Allgemein sei der Intendantenwechsel von „personeller Kontinuität“ geprägt, sagt Lederer: „Ein Etappenziel, auf das wir stolz sind.“ Auch künstlerisch will das Direktorium den von Baumbauer eingeschlagenen Weg fortsetzen – ein „gegenwartsoffenes, radikal zeitgemäßes Theater bleiben“, nennt Dramaturgin Lochte das. Freude am künstlerischen Risiko stehe auch in der kommenden Spielzeit im Mittelpunkt – dem Motto „Sicher ist sicher“ zum Trotz.

Unter diesem Schlagwort wolle man „Risikoforschung“ betreiben, sich mit den Mitteln des Theaters aktuellen Krisen (etwa der in der Wirtschafts- und Finanzwelt) nähern. Dazu werden von September an 13 Premieren (darunter sieben Uraufführungen) an den Kammerspielen zu sehen sein. Zum Auftakt am 24. September inszeniert Stefan Pucher „Platonow“ von Anton Tschechow. Pucher, der in der aktuellen Spielzeit Shakespeares „Maß für Maß“ an den Kammerspielen einrichtete, ist nicht der einzige Regisseur, der bereits am Haus gearbeitet hat.

Schorsch Kamerun etwa, bekannt geworden als Sänger der legendären Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“, bringt sein „Konzert zur Revolution“ zur Uraufführung: eine musikalisch-theatrale Auseinandersetzung mit der Münchner Räterepublik in den Jahren 1918/19. Doch dem Spielzeit-Motto will sich auch das neue Team nicht nur in Inszenierungen nähern: Performances, Debatten und Diskussionsveranstaltungen wird es ebenso wieder geben wie eine „Lange Nacht der neuen Dramatik“, bei der heuer aber zum ersten Mal der mit 15.000 Euro dotierte Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik vergeben wird.

Und im Rahmen des inzwischen fast schon zur Tradition gewordenen Stadtprojekts will sich das Theater in der neuen Spielzeit mit dem Münchner Bahnhofsviertel beschäftigen. Besonders spannend, da hier auch diese Zeitung entsteht.

Von Michael Schleicher

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