Pinakothek der Moderne

Schwarzer Strich als roter Faden

„Gegenwart der Linie“: Die Graphische Sammlung beweist wieder einmal, wie überragend ihre Schätze sind

Eine Zeichnung? Ist das dort nicht eher eine plastische Wandarbeit, bei der feine Fäden, die zum Ende hin etwas dicker werden, eine zarte Illusion erzeugen – von einer Zimmerecke, in der ein Korb steht.

Was Richard Artschwager da an Augen-Tratzerei gezaubert hat, ist aber doch eine Zeichnung. Die Staatliche Graphische Sammlung München zeigt dieses Blatt in der neuen Schau „Die Gegenwart der Linie“ in der Pinakothek der Moderne. Direktor Michael Semff präsentiert damit „eine Auswahl neuerer Erwerbungen des 20. und 21. Jahrhunderts“. Die Exposition sei „die Nachhut“ zur großen Jubiläumsausstellung (250 Jahre), man hätte darin den zeitgenössischen Arbeiten „nicht genügend Rechnung tragen können“.

Das Grafik-Team hat sich nun ganz von „der Mentalität der Linie“ leiten lassen. Das heißt, es gibt keine gesittete Chronologie, sondern anregende „Gespräche“ zwischen Blättern, ganz egal, wann entstanden und welcher Herkunft, ob von einem internationalen Star oder einem jungen Münchner. Auch die Hängung ist eher verspielt. Gruppiert wurde etwa nach serieller Reduktion oder surrealen Späßen, nach erzählerischer Zeichnung oder „Licht der Linie“, wozu das erwähnte Artschwager-Werk zählt.

Die Graphische Sammlung hat ihr mächtiges Füllhorn geöffnet. Deswegen wird pro Künstler nur ein Blatt ausgestellt; aber man besitzt natürlich mehr. Darauf wird im Katalog verwiesen. Auch auf farbige Werke wurde fast völlig verzichtet. Wenn der Betrachter nun bewundert, was dennoch „übrig“ geblieben ist, dann kann er ungefähr ermessen, welch globale Potenz in dieser Institution steckt. „Wir haben einen internationalen Sammlungsauftrag“, kommentiert Semff lakonisch dieses Faktum.

Deswegen kann die Graphische Sammlung München ganz lässig einen Bogen schlagen von einem bezaubernden Interieur aus Henri Matisses Hand von 1915 (Tusche) bis zu Stefan Eberstadts kräftig konstruiertem Bau aus Graphit und schwarzer, gespachtelter Ölfarbe von 2008. Auch der gerade verstorbenen Hanne Darboven kann man mühelos Reverenz erweisen – naturgemäß mit einer Arbeit aus Zahlen und Buchstaben. Erfreulicherweise lässt gerade die mehr Nähe zu als die streng gerahmten „vollendeten“ Werke. Genauso mühelos werden alle Techniken und Materialien vorgeführt: vom Bleistift über Kreide bis zur Xerografie mit Tipp-Ex. Und immer ist die schwarze Linie der rote Faden der Schau.

Als Besucher, der sich schon Zeit lassen muss für diese sehr intime Kunst, staunt man nur so, welch ein Gestaltungsreichtum in der Linie steckt. Sie kann alles. Das verschwindend feine Pünktchen traut sich genauso auf die leere Papierfläche, wie saftige Linien sich zur Malerei aufschwingen und auf die Schwesterkunst verweisen. In der Pinakothek der Moderne kann jeder diese Verwandtschaften in Augenschein nehmen. Nicht nur die: Denn ohne „die Gegenwart der Linie“ gäbe es ebenfalls weder Architektur noch Design. Noch Cartoons. Das beweist Dasha Shishkin mit seinem „Elephant“ (2003), der zu seinem gezeichneten Umfeld diverse Kontakte knüpft. Der Rüssel dockt beispielsweise an einen bestimmten männlichen Körperteil an...

Bis 21. Juni

Tel. 089/23 80 53 60, Katalog: 25 Euro

von Simone Dattenberger

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