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Rolando Villazón lässt sich eine Stimmbandzyste operativ entfernen.

Doping in der Oper? Das Singen als größte Gefahr

Lance Armstrong hat’s getan, um müheloser die Pyrenäen-Gipfel hochzustrampeln. Und manchmal tun es auch Sänger, um vokale Höhen zu erreichen: Doping.

Ein Tenor schlägt gerade besonders gern Alarm. Endrik Wottrich, Ex-Freund von Katharina Wagner und ob seiner Leistungen nicht unumstritten, zeichnet ein düsteres Bild seines Berufsstandes: „Ich habe Kollegen kennengelernt, die zu Alkohol und Psychopharmaka gegriffen haben und die solch eine Angst vor dem Versagen haben, dass sie es nicht mehr ertragen, auf die Bühne zu gehen.“

Die Opernwelt also bevölkert von Süchtigen, die Leistung nur mit unerlaubten Mitteln erreichen? Dass mancher Sänger nicht allein durch gute Technik und genaue Selbsteinschätzung Karriere macht, ist in der Branche unbestritten. Der Druck, auf den Punkt in Form zu sein, ist schwer auszuhalten. Vor allem zu Karrierebeginn: „Man kann anfangs damit nicht leicht umgehen“, bestätigt Christian Gerhaher, einer der wichtigsten Lied-Interpreten unserer Zeit und zunehmend in der Oper aktiv.

Medikamente können der Stimme schaden

Gerhaher, der auch Medizin studiert hat, hält Alarm-Meldungen à la Wottrich allerdings für übertrieben. Sicherlich gebe es „einige wenige Kollegen“, die etwa Betablocker nehmen: Tabletten aus der Herz-Kreislauf-Therapie, die Blutdruck und Pulsfrequenz senken und somit Aufregung bekämpfen. Dass allerdings ständig zu leistungssteigernden oder beruhigenden Mitteln gegriffen wird, hat Gerhaher nicht beobachtet.

Wenn Medikamente eingesetzt werden, dann aus einem anderen Grund: um Krankheiten zu bekämpfen. Die Palette reicht hier vom einfachen Schleimlöser übers Aspirin bis zu einem umstrittenen Stoff: zu Cortison. Das ist zwar ein körpereigenes Hormon und lässt Entzündungen abschwellen, kann aber in höheren Dosen gefährlich werden. „Vor allem dann, wenn eine Stimme, die schon verletzt ist, zu sehr beansprucht wird, weil man glaubt, es geht wieder“, sagt Gerhaher.

Mit Dauer-Einnahme werde die Stimme „grauer“ und verliere an Tiefe. „Es ist eben ein Vabanquespiel.“ Bariton Michael Volle ist ähnlich vorsichtig. Cortison nehme er „nur, wenn’s absolut notwendig ist“. Außerdem steht der Ensemble-Star der Bayerischen Staatsoper Naturheilkundlichem „viel näher“. Volle, der nicht nur auf der Bühne Unerschütterlichkeit verströmt, nutzt Pastillen („Gel für die Stimme“) und trinkt mindestens zwei Liter Flüssigkeit pro Tag. Doping-Exzesse in der Oper sind ihm nicht untergekommen, vom Betablocker-Gebrauch wisse er indes. Und von Tenören, „die vor ihren Wagner-Partien schon mal ein Weißbier zischen“. Ohnehin drifte die Diskussion in die falsche Richtung, meint Kollege Gerhaher: „Die größte Gefahr, die Stimme zu verlieren, geht nicht von irgendwelchen Mittelchen aus, sondern vom Singen selbst.“

Auf die Technik kommt es an

Womit man bei Entscheidenderem angelangt wäre: bei der – oft falschen – Technik. Ein Problem, mit dem sich zurzeit der vokal überbeanspruchte Villazón plagt. „Natürlich muss man bei akuten Entzündungen mit abschwellenden Medikamenten arbeiten“, erläutert Dr. med. Ilona Nejedlo. Sie leitet die Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie (Stimmheilung und Lehre von den Hörstörungen) der Klinik für HNO-Heilkunde an der LMU München. „Aber ich bin keine Anhängerin davon, die Sänger fitzuspritzen.“ Sie plädiert vielmehr dafür, Stimmprobleme ganzheitlicher zu betrachten.

Ein Stimmversagen während der Vorstellung könne also seine Ursachen in ganz anderen, längerfristig wirksamen Problemen haben. Zum Beispiel im Falle der oft beschriebenen „Knötchen“, also bei Verdickungen der Stimmlippen. Mancher Star hat sich die schon operativ entfernen lassen wie die französische Sopranistin Nathalie Dessay und, so wird erzählt, auch die deutsche Koloratur-Künstlerin Diana Damrau. „Eigentlich resultieren die Knötchen aus Fehlbelastungen aufgrund von Verspannungen“, sagt Ilona Nejedlo. Schon eine veränderte Technik könne hier abhelfen.

Wenn die Stimmlippen-Veränderungen abgetragen würden, ohne die Ursache zu beheben, kämen diese nach gewisser Zeit wieder. Mittelfristig gesehen laufe manche Operation also ins Leere. Stress, Fehl- und Überbelastung, verbunden mit einer fehlerhaften Technik, führen daher nicht nur zu Stimmversagen in der Vorstellung, sondern auch zu Dauerschäden.

Therapie statt Spritze

Gerade das bekommt offenbar Rolando Villazón zu spüren. Seit rund zwei Jahren singt er seiner einstigen Form hinterher. Alles deutet darauf hin, dass er seinem Kehlkopf-Apparat zu viel zugemutet hat. So ließe sich seine Zyste erklären – und seine bereits absolvierte einjährige Zwangspause. Ein weiteres, grundsätzlicheres Dilemma ist die Fehlklassifikation von Stimmgattungen. „Das Singen im falschen, meist zu hohen Fach führt zu stimmlichen Fehlbelastungen, die wiederum auch organische Veränderungen der Stimmlippen nach sich ziehen können“, sagt Ilona Nejedlo.

„Die meisten Schwierigkeiten resultieren aus einem tiefer liegenden Problem“, ergänzt Evamaria Haupt, Logopädin, Stimmtherapeutin und Gesangslehrerin. Sie verwendet den doppelsinnigen Begriff vom „Klangkörper“: Die gesamte Persönlichkeit des Sängers inklusive Ausstrahlung, Charakter und Umfeld müsse berücksichtigt werden. Und manchmal, das hat sie beobachtet, mache sich’s der Solist sogar selbst schwer, wenn er nie mit sich zufrieden ist – was Evamaria Haupt „auditive Überkontrolle“ nennt.

„Was oft helfen kann, ist nicht die Spritze, sondern eine Therapie.“ Von Betablockern rät die Medizinerin Ilona Nejedlo ohnehin ab: Durch die dämpfende Wirkung gehe Körperspannung verloren – korrektes Singen werde somit erschwert. Und wie Evamaria Haupt hält auch Nejedlo wenig von Parallelen zum Sport. „Doping ist bei Sängern kein Thema – schon allein, weil man hier keine Muskelmasse mit Anabolika aufbauen kann.“

Christian Gerhaher geht sogar einen Schritt weiter: Er hält die Doping-Debatte auch im Sport für „lächerlich“. Das alles sei doch nur passiert, damit ein Fernsehvolk im Sessel Höchstleistungen genießen könne. „Es ist alles Show. Und es sind eigenverantwortliche Menschen. Von mir aus können die sich zudopen.“

Markus Thiel

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