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Bildschöne Stadt an der Salzach – Burghausen.

Die Stadt, die mit dem Jazz lebt

Der britische Star-Geiger Nigel Kennedy eröffnete in Burghausen das 40. Internationale Festival

Der Geigen-Rüpel lächelt. Artig, zurückhaltend. Ganz so, als hätten die Menschen in der ausverkauften Wackerhalle in Burghausen nicht ausschließlich auf ihn gewartet. Ganz so, als hätte er nicht den Ruf des exzentrischen Wunderkindes und schwierig zu betreuenden Stars. Ganz so, als wäre Nigel Kennedy in diesem Moment eben nicht Nigel Kennedy, dem viele vorwerfen, vor allem um sich selbst zu kreisen. Nein, als er kurz nach 22 Uhr an diesem Mittwochabend auf die Bühne kommt, sagt er erst einmal, wie dankbar er sei, hier sein zu können, bei diesem „amazing festival with its great history and great future“.

In den kommenden zwei Stunden ist zu erleben, dass der Brite, der in schlabbernden schwarzen Klamotten steckt, den Schädel raspelkurz rasiert und die paar längeren Haare geradezu perfekt unperfekt zu einem Irokesen nach oben gegelt hat, meint, was er sagt: Kennedy hat sichtlich Spaß und ist stolz, in Burghausen zu spielen, bei jenem Jazzfest, das heuer zum 40. Mal stattfindet und das in den vergangenen vier Dekaden weltberühmte Musiker in die Stadt an der Salzach gelockt hat. Und trotz all des Tamtams, das die Karriere des „Geigen-Wunderkindes“ seit jeher begleitet, sind sie an diesem Abend besonders zu spüren: die Begeisterung, die Liebe, die Hingabe und, ja auch, die Demut, die Kennedy der Musik entgegenbringt. Der Musik und seinen vier großartigen Kollegen, die er aus seiner polnischen Wahlheimat Krakau mit nach Bayern gebracht hat.

Lächelnd dirigiert er seine Band durch diesen Abend, lächelnd motiviert er die Musiker zu ihren Soli, für die er sich anschließend mit einer kleinen Verbeugung bedankt. All das bedeutet jedoch nicht, dass der Auftakt der Jazzwoche in Sanftmut dahin gekrochen wäre: Das, was das „Nigel Kennedy Quintet“ präsentiert, ist wild, durchdacht, schräg, ein Teufelsritt durch die Musik-Stile – wie beim großartigen „Hills of Saturn“ zu erleben, das der Geiger als eine Mischung aus „Bach, Pink Floyd und Led Zeppelin“ ankündigt. Womit er natürlich Recht behält. Und es ist ein britisch-derber Abend, der seinen Höhepunkt im „Fucking-Going-Shopping-Blues“ findet. Hier singt und quatscht Kennedy davon, wie hart es für ihn ist, wenn seine Ehefrau ihn zum Einkaufen überreden, er jedoch noch ein bisschen schlafen will. Ganz sicher sind es auch diese Offenheit anderen Stilen gegenüber und die Lust am Experiment, die den Erfolg der Jazzwoche ausmachen. Denn seien wir ehrlich, Jazz hat nach wie vor den Ruf, elitär zu sein. Und auch an der Salzach findet, wer in den Archiven blättert und sich Plakate aus den Gründungsjahren der Festwochen anschaut, solch verkopfte Programmpunkte wie „Vortrag mit Diskussion: Wo steht der Jazz heute? Wie modern ist unser Musikunterricht?“

Als Joe Viera, künstlerischer Leiter des Festivals bis heute, im Jahr 1970 darüber im Helmbrechtsaal referierte, waren die vier Musiker des „Kühntett“ noch gar nicht geboren, die jetzt den Nachwuchs-Preis bekamen. Die Gruppe überzeugte im vollbesetzten Stadtsaal die vierköpfige Jury – nicht aber unbedingt das Publikum. Denn das war ungehalten darüber, dass mit dem „Kühntett“ eine Band im live ausmusizierten Finale siegte, die zu den arrivierten Jazz-Combos in Deutschland gehört.

Vom Nachwuchs zur „Street of Fame“


Ein großer Teil der gut 500 Zuhörer hätte das Preisgeld (das nur zu einem Drittel bar ausbezahlt wird, der Rest fließt in ein individuelles Promotionspaket, etwa eine CD-Produktion) lieber als echte Nachwuchsförderung verwendet gesehen. Insgesamt hatten sich 54 Formationen aus der ganzen Welt um den Preis beworben, fünf wurden ins Finale eingeladen. Außer dem Preisgeld durfte das „Kühntett“ vor Nigel Kennedy auftreten, was die Musiker erstaunlich souverän taten.

Noch an Silvester, erzählt Bassist Axel Kühn, habe er mit seinem Saxofonisten Alexander Kuhn vor dem Fernseher gesessen und sich Konzertmitschnitte vergangener Jazzwochen auf BRalpha angesehen: „Jetzt stehen wir selbst hier – und das ist viel schöner.“ Vielleicht sollten sich die Organisatoren jedoch überlegen, ob es in Zukunft wirklich sinnvoll ist, den Nachwuchspreisträger in der Wackerhalle vor dem Eröffnungskünstler spielen zu lassen – das zieht den Abend in die Länge, zumal die Musik des „Kühntett“ sehr viel besser in eine intime Club-Atmosphäre gepasst hätte.

Die Publikumsdebatten um die Jury-Entscheidung zeigen, was Burghausens Bürgermeister Hans Steindl meint, wenn er sagt: „Jazz in Burghausen ist mehr als nur die Jazzwoche.“ Ja, die Musik ist in der Stadt. Und die Stadt lebt mit dem Jazz. Etwa „In den Grüben“, dem Zentrum der Altstadt, wo einst die ersten Jazzlokale öffneten und somit den Grundstein für die Szene legten. Hier wurde vor zehn Jahren, zum 30. Jubiläum, die „Street of Fame“ mit einem Salsa-Konzert des Kubaners Tony Martinez eingeweiht. Wie der „Walk of Fame“ in Hollywood, sind in der Burghausener Altstadtgasse die Namen großer Musiker, die alle schon bei den Jazzwochen spielten, auf Bronzeplatten im Boden verewigt: Dizzy Gillespie, Michel Petrucciani und Oscar Peterson etwa. Dave Brubecks Tafel ist vor dem Gasthof „Zum deutschen Haus“ zu finden, Albert Mangelsdorffs Name ist vor den Schaufenstern einer Filzwerkstatt zu lesen. Und die Platte mit dem Namen von Ella Fitzgerald liegt direkt vor dem Eingang zum Mautnerschloss, wo die örtliche Volkshochschule und – natürlich – der Jazzkeller untergebracht sind.

Hierher hat sich auch Nigel Kennedy mit dem Publikum aus der Wackerhalle verabredet, als er irgendwann weit nach Mitternacht mit einer Jimi-Hendrix-Interpretation sein Konzert beendete. Nicht, ohne zuvor „My name is Nigel. And I’m doing very well. Thank you, people!“ in den Saal zu rufen. So wie nach jedem Stück an diesem Abend.

Von Michael Schleicher

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