+
260 Gramm schwer und bereit für 160 Titel: Der „Reader“ für elektronische Bücher kam in dieser Woche auf den Markt.

Elektronisches Buch

Sündenfall Eselsohr

Geht’s dem Buch jetzt an den Kragen? Die Werbesprüche unter anderem der Firma Sony legen das zumindest nahe. In dieser Woche kam ihr "Reader", ein elektronisches Buch, auf den Markt. Ein Selbstversuch.

Die Revolution wiegt exakt 260 Gramm. Und ist zunächst einmal ziemlich schlapp: Ohne Saft kommt Sonys E-Book natürlich nicht aus. Doch ein übliches Ladegerät gibt’s nicht im "Lieferumfang", dafür muss der Sony-Reader erst mal an den Computer als Stromquelle angestöpselt werden. Erstes Stirnrunzeln, das Ding verschafft sich ein recht umständliches Entrée.

Doch dann die Überraschung. Denn mit der Qualität der üblichen Computerschirme oder gar iPod-Screens hat der Reader nichts gemein. Ein solch gestochen scharfes, flimmerfreies und angenehmes Schriftbild ist tatsächlich revolutionär. Und wer die (zu) kleine Normalschrift trotz Brille nicht erkennt, drückt einfach auf den Knopf mit der Mini-Lupe, zwei Vergrößerungsstufen sind möglich. Zum Lesen braucht es allerdings, so viel Buch-Atmosphäre sollte wohl sein, Licht - der Bildschirm des Readers leuchtet nicht.

Drei komplette Gratis-Romane sind bereits geladen. Dumm nur, dass die mit dem persönlichen Geschmack (unter anderem Daniel Glattauers "Gegen den Nordwind") wenig zu tun haben. Dann schon eher Helmut Schmidts "Außer Dienst", doch das autobiografische Opus ist eine von sieben "Leseproben" und offeriert nur 31 Seiten des Originals. Gerade also 299 Euro gelöhnt, und schon wieder muss die Kreditkarte herhalten, um Romane aus dem Internet herunterzuladen. Die kosten so viel wie ein normales Buch. Warum also den Reader kaufen?

Mehr als einmal stellt sich diese Frage bei der ersten Begegnung. Wenigstens ist der Reader leicht zu handhaben und erschließt sich (fast) ohne Bedienungsanleitung mit ein bisschen Herumgedrücke von selbst. Geblättert werden kann gleich mit drei verschiedenen Knöpfen. Und hier offenbart das Gerät auch schon seine Krux: Es ist zu langsam. Schnelles Durch-, Vor- oder Zurückblättern dauert genau die zwei entscheidenden Sekunden, die auf Dauer nerven. Und wer den Faden verloren hat, wer wissen will, wie der- oder diejenige mit dem oder der verschwägert ist, dies dabei auf Seite 15 oder vielleicht 20 vermutet, ist geliefert: Eine Buch-Übersicht, gerade im Falle von härterer Kost, stellt sich beim Reader nicht ein - zumal das Anstreichen von Textstellen naturgemäß unmöglich ist. Kleiner Trost: Ein bisschen unerzogen darf man sein. Wer den Literaturgenuss unterbrechen will, kann bis zu zehn "Lesezeichen" setzen. Die werden als Eselsohr eingeblendet - der Sündenfall für den Bücherfreund.

Für was taugt das Gerät also? Sicher für den Urlaub, wenn die Fluggesellschaft bei mehr als 20 Kilo Gepäck ungemütlich wird, obwohl man doch größere Mengen an Literatur "verputzen" möchte. Auch für zwischendurch, zum Zeitvertreib in U- oder Trambahn. Vor allem aber für Juristen, Wissenschaftler oder Business-Menschen, die über sofort abrufbare Massen an Fachliteratur oder Gesetzestexte gebieten müssen. Im aufgeladenen Zustand ist der Reader selbst im Langzeiturlaub nutzbar: Sony garantiert gut 6500 Seitenwechsel.

Immer wieder drängt sich der Vergleich mit dem millionenfach benutzten iPod auf. Doch im Gegensatz zum Musik-Bruder schneidet der Reader schlecht ab. Weil Musik eben doch ein so eigenes Phänomen ist, daher völlig anders konsumiert wird als Literatur - wer spult schon seine Songs oder Symphonien ständig vor und zurück? Außerdem: Für den Normalgebrauch ist elektronische Literatur schlicht zu teuer. 299 Euro kostet ja das nahezu nackte Gerät, das entspricht der Summe für rund fünfzehn Hardcover-Bücher. Und das eigentliche Geldausgeben beginnt erst danach...

Ein wichtiger, schwer zu umschreibender Grund ist aber: Der Reader ist, nun ja, nicht sexy genug. Für Spaß sorgt das E-Book-Lesen anfangs nur dank der technischen Fummeleien. Doch das Erlebnis Buch, das In-der-Hand-Halten von Literatur und das Protzen damit in der heimischen Schrankwand, all das ersetzt dieser Brieftaschen-Doppelgänger nicht.
Drei Bilder und zwei Musiktitel offeriert Sony noch in der Grundausstattung. Genau hier zeichnet sich Entscheidendes ab. Denn erst durch ein Kombi-Gerät für Musik-, Lesegenuss und Internetnutzung droht den klassischen Medien Gefahr. Der Reader ist also nicht mehr als ein Zwischenschritt. Und die Revolution? Die steht noch bevor.

Markus Thiel

Das Prinzip des elektronischen Buches

Das Prinzip ist im Grunde einfach. Denn was der Discman, der MP3-Player oder der I-Pod für die Musik bedeuten, ist der Reader im Literaturbereich: ein elektronisches Lesegerät. Sony hat dazu eine Kooperation mit dem Buchgroßhändler libri und der Buchkette Thalia vereinbart. Das Konkurrenzprodukt, der in den USA erfolgreiche „Kindle“ des Online-Händlers Amazon, ist wohl erst ab Herbst in Deutschland erhältlich.

Die Grundversion des Sony-Gerätes kostet 299 Euro und ist mit drei kompletten Romanen, sieben Leseproben aus weiteren Büchern und zwei Songs bestückt; für Letzteres braucht man den Kopfhörer. Wer mehr Lesestoff will, bekommt diesen im Internet. Dazu wird die mitgelieferte Software benötigt, die einen Zugang zu Internet-Stores ermöglicht. Dort können Bücher gekauft und heruntergeladen werden – dasselbe Prinzip also wie bei Musikdateien. Laut Sony ist auf dem Reader Platz für rund 160 Bücher. Durch zusätzliche Speicherkarten kann dies auf 13 000 Titel ausgeweitet werden. Zwei Beispiele: Ken Folletts Bestseller „Die Tore der Welt“ kostet bei Thalia 24,95 Euro, T.C. Boyles „Die Frauen“ bei libri 21 Euro. Klassiker der Weltliteratur, deren Urheberrechte wie bei Goethe & Co. längst abgelaufen sind, sind gratis im Netz verfügbar.

Zentrale Internetplattform ist „libreka!“, nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels die größte Volltextsuche für E-Bücher. Mehr als 100 000 Titel werden angeboten. Sie ist offen für alle Verlage, jedoch nicht alle beteiligen sich daran.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Am Freitagabend ist DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle aufgetreten. Hier lesen Sie die Konzert-Kritik.
DJ Paul Kalkbrenner in der Münchner Muffathalle: Die Konzert-Kritik
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Journalisten, Schauspieler und Kulturschaffende lesen in den Münchner Kammerspielen Texte des inhaftierten Deniz Yücel. 
Kammerspiel-Abend für Deniz Yücel
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Schlechte Nachrichten für alle, die glauben, Chris de Burgh könne nur die Schnulze „Lady in Red“, das im Radio rauf und runter genudelt wird.
Chris de Burgh in der Philharmonie: Ein lieber netter Kerl
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei
Dieses Jahr findet die Comic Con in München statt. Zum ersten Mal kommt die Comic-Messe damit auch nach Bayern. Welche Stars kommen und wo sie stattfindet, erfahren Sie …
Comic Con München: Diese „Game of Thrones“-Stars sind dabei

Kommentare