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Das neue Museum Brandhorst wird am 18. Mai nach knapp zehn Jahren Bauzeit eröffnet.

Museum Brandhorst

Tempel für die Hausgötter

Mit einem Staatsakt weiht Ministerpräsident Horst Seehofer am Montag das neue Museum Brandhorst ein. Vom 21. bis zum 24. Mai gibt es Tage der offenen Tür bei freiem Eintritt.

Vor fast 40 Jahren kaufte ein Ehepaar aus dem Rheinland eine Collage von Joan Miró. Anette und Udo Brandhorst waren ab da mit dem Virus der Sammelleidenschaft infiziert. Und jetzt wird das Museum Brandhorst in München eröffnet. Anette Brandhorst kann dieses Ereignis nicht mehr miterleben, sie starb 1999. Ab 21. Mai ist das Haus an der Türkenstraße dann für jedermann zugänglich.

Setzte das Ehepaar damals noch auf die Sicherheit der Klassischen Moderne – wunderbar, dass es fast alle von Picasso illustrierten Bücher besitzt –, verabschiedete es sich in der Folge schnell davon. Zeitgenössisches wollte man aufspüren. So wuchs eine Sammlung mit Werken von Carl Andre (1935 geboren) bis Christopher Wool (1955), die heute über 700 Objekte umfasst. Schwerpunkt US-amerikanische Kunst. Neben Gemälden und Arbeiten auf Papier gibt es Skulpturen, Installationen und neuerdings auch Foto-Arbeiten sowie Videos zu entdecken. Dem hat sich der Museumsbau von Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch angepasst. Es gibt einen geräumigen, schallgedämmten Filmraum (mit Neben-Kabinetten) und natürlich Säle in unterschiedlichen Größen: von intim bis monumental.

Museum Brandhorst öffnet die Türen

Museum Brandhorst öffnet die Türen

Im Verlauf von 30 Jahren Sammeltätigkeit bekam die private Kollektion, mit der die Brandhorsts daheim lebten, doch eine Größe, die nach Dauer verlangte. Nach der Gründung einer Stiftung 1993 folgte die Übereinkunft mit dem Freistaat Bayern, ihm Werke einerseits ganz zu überlassen, andererseits als Dauerleihgaben anzuvertrauen. Darüber hinaus sichert ein großes Stiftungsvermögen die Handlungsfreiheit, weiterhin hochkarätig sammeln zu können. In enger Zusammenarbeit mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Sie betreiben das Museum Brandhorst und in der benachbarten Pinakothek der Moderne (PDM) das Kunstmuseum für das 20. und 21. Jahrhundert.

Armin Zweite, Sammlungs-Direktor und Geschäftsführer der Stiftung Brandhorst, eröffnet konsequenterweise den neuen Münchner Kunst-Tempel mit einer musealen Präsentation. Das heißt, fast nur mit Ausstellungsstücken, die im Lauf der letzten Jahrzehnte bereits kanonisiert wurden, also hoch angesehen sind. Man lässt sich nicht auf ein riskantes Schlaglicht aufs Heute ein, sondern bietet Klassiker der 70er-, 80er- und 90er-Jahre. Das macht die Auftakt-Schau solide, jedoch ein bissl zu brav. Sicher, jetzt ist eine feste Basis gelegt, aber für die Zukunft sollte pointierter gesammelt und frecher, unterhaltsamer inszeniert werden. Das Museum Brandhorst darf nicht biederer sein als die PDM.

Nun ist aber erst einmal Entdeckerfreude angesagt: Ein Kunst-Parcours wird inspiziert. Gleich im Foyer des Kopfbaus das erhebende Gefühl von Offenheit. Glaswände fahren beiseite, eine einladende Geste des Hauses – Passanten könnten quer durch die Halle flanieren; rechts das Café, links der Laden. Und geradeaus geht’s in das lichte Treppenhaus, das bequem – wieder eine dieser einladenden Gesten – die Besucher auf die drei Ausstellungsebenen verteilt. Hier schwingt schon mal Andy Warhol (1928-1987), mit über 100 Arbeiten einer der Hausgötter des Museums, Hammer und Sichel. Ein hübsch ironischer Auftakt in Zeiten der Wirtschaftskrise. Die folgenden Räume zeigen mit Sigmar Polke (geboren 1941) eine deutsche (Post-)Pop-Variante, vom Material her einfallsreich und politisch bissig. Kunstharz verwandelt Tischdeckenstoffe und alte Illustrationen in Membranen. Durch sie schimmert die Brutalität der Zivilisation. Joseph Beuys tritt kurz auf, etwa mit der „Dummen Kiste“ aus Filz und Kupfer, ebenso die Arte Povera („arme Kunst“), zum Beispiel mit einem typischen Iglu von Mario Merz (1925-2003), diesmal aus kissenartigen Würfeln und seiner unverzichtbaren Schrift aus Leuchtstäben. Geometrisch edler Minimalismus mit James Lee Byars (1932-1997) oder Walter de Maria (1935 geboren) zwischen blauem Marmor und stählernem Sieben-Eck darf nicht fehlen beim Rundgang. Übrigens wird ab Herbst im Türkentor ein Werk von ihm zu sehen sein, das extra für den Ort geschaffen wurde.

Der sensationelle Höhepunkt des Museums Brandhorst ist im Obergeschoss platziert. Es ist Cy Twombly (1928) gewidmet, dem anderen Hausgott. Er ist atemberaubend, zeitlos, dennoch heutig – überragend. Wer die Treppe hinansteigt, wird mit Heiterkeit begrüßt. Helles Türkis mit Weiß: ein Triptychon, das einen durch Farbe zum Schweben bringt. Hinein in den geschwungenen Saal des Kopfbaus. Er wurde speziell für den zwölfteiligen „Lepanto-Zyklus“ (1571 Seeschlacht der Christen gegen die Osmanen bei Lepanto) geplant. Hellblau, Gelb und Rot leuchten auf, wie von Sonne beschienen. Ruder-Schiffe mag man erahnen, Explosionen oder rinnendes Blut. Ohne dieses historische Wissen genießt man einfach nur ein Panorama sinnenfroher Gemälde. Die übrigen Räume geben einen klug gestalteten Überblick über das Œuvre Cy Twomblys. Ein Genie der Bescheidenheit und Schlichtheit, selbst wenn er sich auf Riesenformate stürzt.

Wenig vorteilhaft wird Hausgott Andy im Tiefgeschoss präsentiert. Seine Werkgruppe wurde zu sehr auseinandergerissen. Auch sie bietet eigentlich alles: von frühen Anti-Rassismus-Bildern bis zu den späten Jesus-Serien (Paraphrasen aufs „Letzte Abendmahl“). Leider hat man die weite Treppenhaus-Halle noch mit voluminösen Exponaten von Damien Hirst (1965) bestückt. Die raffinierte Spiegelfechterei mit Myriaden von bunten Pillen sowie die Glaskuben voll Krankenhaus-Müll drücken die Warhols einfach weg. In diesem optischen „Getöse“ gehen auch Schwergewichte wie Katharina Frisch oder Bruce Nauman unter, obwohl er ein wichtigerer Künstler ist als der Medien-Liebling Hirst.

Vereinzelt, aber immerhin: Arbeiten, die noch nicht museal abgesegnet, aber inspirierend sind. Da ist Mike Kelleys (1954) Video-Installation mit mächtigen Glas- und Gasflaschen – schön und verwirrend wie ein Physik-Experiment. Und da ist Ron Muecks (1958) Plastik, die uns auf die nackte Existenz hinstößt. Die Gebärende und das Baby, noch verbunden durch die Nabelschnur, beide mit befremdeten Gesichtern, die sagen: Wie geht’s weiter?

Darauf darf man auch beim frisch geborenen Museum Brandhorst gespannt sein.

von Simone Dattenberger

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