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Positives Beispiel für Videoüberwachung: Mit den Aufnahmen konnten die Münchner U-Bahn-Schläger gefasst werden.

„Was wollen wir über uns preisgeben?“

Autor Jörg Albrecht über sein neues Stück „Lass mich Dein Leben leben“ und die Videoüberwachung in den Städten

Am Freitagabend hatte die Auftragsproduktion der Münchner Kammerspiele „Lass mich Dein Leben leben“ im Werkraum des Theaters seine Uraufführung. Autor Jörg Albrecht, Jahrgang 1981, beschäftigt sich in seinem Stück mit der zunehmenden Videoüberwachung des öffentlichen Raums.

-In Ihrem Stück werden der Münchner U-Bahn-Schubser und die Jugendlichen erwähnt, die Ende 2007 einen Rentner in einem U-Bahnhof zusammenschlugen. Taugen solche Taten zur Literatur?
Es geht darum, Realität zu bearbeiten. Und das sind nun mal die bekanntesten Fälle in der Stadt, bei denen Videoüberwachung eine Rolle spielte. Wobei mir aufgefallen ist, dass außerhalb Münchens der Fall des U-Bahn-Schubsers kaum wahrgenommen wurde – die beiden Schläger dagegen schon. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass dieser Fall Vorurteile bestätigte, weil es sich um Migrantenkinder handelte. Ich beschreibe einen Ist-Zustand, eine Gegenwart, die gültig ist.

-Werden moderne Großstädte durch Videoüberwachung zu einer Art Filmkulisse?
Das ist natürlich eine Überspitzung. Aber wenn ich in München bin, fällt mir schon auf, dass die Leute Wert darauf legen, sich in der Stadt zu präsentieren, dass sie andere Leute beobachten und sie prüfend anschauen – in Berlin ist das anders. Das mag jetzt wie ein Vorurteil klingen, ist aber meine subjektive Wahrnehmung. Fakt ist, dass in den Städten immer mehr Kameras hängen – und wir nicht wissen, wer am anderen Ende am Bildschirm sitzt und zuschaut.

-Doch können wir uns gegen diesen Prozess überhaupt wehren?
Wir sollten uns bewusst werden, dass diese Entwicklung im Gang ist – und wie komplex und verflochten sie ist. Ich halte nichts von Verschwörungstheorien, die dunkle Drahtzieher im Hintergrund vermuten. Zu diesem Prozess gehört aber nicht nur die Videoüberwachung. Dazu gehören etwa auch die Werbung in den Städten, die immer mehr Platz einnimmt, und die Casting-Shows im Fernsehen, bei denen die Leute animiert werden, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Ich will bewusst machen, dass dies alles heute ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, der Profit machen will. Entscheidend ist, dass wir anfangen, uns zu ändern: dass wir uns etwa überlegen, welche Informationen wir über uns im Internet angeben. Das reicht auch für einen Theaterabend! Es wäre vermessen, Lösungen anbieten zu wollen.

Jörg Albrecht

-Doch ist es nicht so, dass wir etwas Privatheit aufgeben müssen, um sicher leben zu können?
Was aktuell passiert, übersteigt das Maß. Ich muss heute doch alle Kanten, die es an mir gibt, glätten, um nicht verdächtig zu sein. Wenn ich erst beweisen muss, dass ich unschuldig bin, lebe ich nicht mehr in einem Rechtsstaat. Hemmschwellen werden niedergerissen, weil wir infiltriert von den Terrorbildern sind. Natürlich will auch ich nach den Anschlägen vom 11. September geschützt leben, und die bereits erwähnten Fälle in der Münchner U-Bahn werden in meinem Stück als positive Beispiele für Videoüberwachung angeführt. Ich will, dass wir die Technik sinnvoll nutzen und nicht, um den Menschen als Subjekt einzuschränken. Wichtig ist, dass wir auch zu verstehen versuchen, wie es etwa zum 11. September kommen konnte.

-Wie erleben Sie die Inszenierung Ihres Stücks durch Roger Vontobel?
Mir gefällt, dass die Inszenierung die verschiedenen Facetten und Intensitäten des Themas aufnimmt: komisch, actionreich, nachdenklich, verspielt.

Das Gespräch führte
Michael Schleicher

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