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Die derzeit heißeste Truppe für Alte Musik: das selbstverwaltete Freiburger Barockorchester.

CD-kritik

Wie beim ersten Mal

Eines verbindet ihn mit König Midas: Was er auch anpackt, es wird zu Gold. Mit dem „Idomeneo“ hat René Jacobs seinen Mozart-Zyklus auf CD fortgesetzt – und seinen Ruf als zurzeit aufregendster Operndirigent untermauert.

Es ist 25 Minuten vor Schluss. Ein Ungeheuer wurde besiegt, ein Menschen-Opfer durch eine unsichtbare Stimme vereitelt, auf dass sich Kreta für einen neuen König rüstet, da dreht die Musik durch. Von Qualen und Nattern und Schlangen keift Elettra. Und statt in der zwar exaltierten, aber vorgeschriebenen Notenlinie zu bleiben, verliert Sängerin Alexandra Pendatchanska, umzügelt von Streicherfiguren, scheinbar die Beherrschung. Lässt das Koloraturen-Gelächter in der Wiederholung des Arien-Schlussteils zu einem triebhaften, wie besessenen Spitzenton zusammenschmelzen, während es vom Orchester förmlich den Klangtopfdeckel wegsprengt.

Anno 1781, im Münchner Cuvilliés-Theater, wollte Mozart die Uraufführungsgäste vor dieser Explosivität bewahren. Zu lang, befand er, und strich die Arie. Auch vor diesem Hintergrund ist René Jacobs’ Einspielung der ungekürzten Oper so etwas wie der Ideal-„Idomeneo“. Wobei Einspielung: Mit einer sorgsam austarierten Studio-Produktion haben seine CDs ja wenig zu tun. Was einen hier vor der heimischen Stereoanlage ereilt, ist ein übertouriges Hörspiel. Ein Drama, wilder und überrumpelnder, tiefgründiger und detailbewusster, wie man es mit Regie nicht besser erleben kann.

Seit Jahren geht das schon so. Kaum ist eine Mozart-Einspielung mit Jacobs auf dem Markt, drängelt sie die Konkurrenz beiseite und setzt sich an die Pole-Position. Bei „Così fan tutte“ war das der Fall, bei „Le nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ und eben jetzt beim „Idomeneo“, Mozarts experimentierlustigster Opern-Partitur – mithin also das perfekte Spielfeld für Jacobs und das selbstverwaltete Freiburger Barockorchester. Beide Seiten, der Dirigent und seine Instrumentalisten, sind „schuld“ an diesem Erfolg. Denn wer auf der Bonus-DVD sieht, mit welch sparsamen Bewegungen René Jacobs ein Ausdrucksmaximum erzielt („Wäsche aufhängen“, so lästerte einmal ein Sänger hinter vorgehaltener Hand), der kann nur erahnen, welch Proben- und Forschungsarbeit hinter dieser Interpretation steckt – und wie viel Musizierhunger die grandiosen Freiburger mitbringen.

Anders als Kollege Harnoncourt, der den „Idomeneo“ zur Frühform der Grande Opera stilisierte, hat Jacobs’ Deutung wenig Heroisches. Nervig, flirrend, mit hohem Grundpuls wird die Partitur realisiert. Ein Furor, der manchmal verstört, der auch viel vom Existenziellen des Stücks erzählt. Nicht nur um die Liebesgeschichte zwischen Ilia und Idamante geht es schließlich, man wird auch Zeuge, wie sich ein ganzes, veraltetes System überlebt. Ganz folgerichtig singt Richard Croft einen (amts-)müden, melancholischen Titelhelden, der sich im „Fuor del mal“ ein letztes Mal zur Heldenpose aufzuraffen scheint. Auch Bernarda Fink verlässt sich als Idamante kaum auf Schöngesang, gestaltet einen innerlich bebenden, bewegten und damit sehr wahrhaftigen Königssohn. Die Ilia von Sunhae Im klingt weniger nach Soubrette, sondern nach einer beseelten Schwester der „Figaro“-Susanna, während Alexandra Pendatchanska die Dramatik der Elettra effektvoll dosiert.

Als Endprodukt einer Reihe von konzertanten Aufführungen ist dieser „Idomeneo“ entstanden. Eine Einspielung, die vieles lehrt. Dass Mozart so klingen kann, als begegnet man ihm das erste Mal. Dass es auch heute, im darniederliegenden Klassik-Markt, aufwändige Studioproduktionen geben kann – vorausgesetzt, ein CD-Label bringt Mut auf und die richtigen Interpreten zusammen. Und nicht zuletzt dass Spitzenaufnahmen auch ohne PR-Tamtam möglich sind – solche Qualität braucht eben keine Marktschreier.

Wolfgang Amadeus Mozart:

„Idomeneo“. Freiburger Barockorchester, René Jacobs (harmonia mundi).

von Markus Thiel

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