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Nacktes Fußvolk: Glucks „Armida“ (Maria Bengtsson) an der Komischen Oper.

Opern-Kraftzentrum Berlin

Zwischen Krise und Wunderland

Berliner Opernlandschaft - bei dem Stichwort denkt jeder an Krise. Und dann gelingt auf einmal ein Premierendoppel, das der Hauptstadt-Szene mit ihren drei Häusern eine ungewohnte Rolle beschert: als ein Kraftzentrum des Musiktheaters.

Nach den Abenden, Glucks "Armida" in der Komischen Oper und Wagners "Lohengrin" in der Deutschen Staatsoper, mag man sich ob der Erfolge auf die sonst hängenden Schultern klopfen. Doch ohne Maulen und Stechen kann in Berlin offenbar Oper nicht passieren. "Zu viel Sand im Getriebe" und "Visions- und Führungslosigkeit" bescheinigte Stefan Herheim, Regisseur des "Lohengrin", kurz vor der Premiere der Staatsoper im Zeitungsinterview. Superstar und Chefdirigent Daniel Barenboim sei gar nur "hoher Gast im eigenen Haus".

Auf der Opern-Homepage gab sich Herheim später empört, fühlte sich missverstanden - ohne die Wortwahl freilich zu dementieren. Und nach der heftig gefeierten Premiere sprach das Applausverhalten Bände. Als Herheims Team mit den Sängern an die Rampe zog, blieb Barenboim hinten, an der Seite seiner gehätschelten Staatskapelle.

Dabei hatte Herheim den Erfolg des Bayreuther "Parsifal" (fast) wiederholt. Es war, wie sich schon abgezeichnet hat, die Wagner-Aufführung der Saison. Oper mit allem, darunter tut’s der Norweger noch immer nicht. Alles wird nicht nur mitgedacht, sondern auch gezeigt: Stückgeschichte, historischer Hintergrund, philosophischer Kontext, ein Häppchen Theatertheorie plus der Aufführungsort. Für Letzteren muss der Heerrufer als alberner Berliner Bär tanzen. Doch immerhin dürfen Choristen auf Schildern verkünden "Deutsche Oper ist auch Staatsgut" - als kollegialer Gruß ans gebeutelte Unternehmen im Westteil der Stadt.

Zusammen mit Bühnenbildnerin Heike Scheele, Gesine Völlm (Kostüme) und den Videos von fettFilm entwirft Herheim einen nicht doppel-, sondern mindestens dreifachbödigen Kosmos. Nichts für Konzeptfans, die Oper gern eindeutig hätten - und sich auf einmal im Wunderland wiederfinden, das sich zwischen Magrittes Gemälde-Ästhetik, mittelalterlichem Wanderbühnen-Flair und Probenatmosphäre bewegt. Pure Magie ist der gleich einem Schwanenkleid gebündelte Vorhang zum Vorspiel, bevor der Chor die Bühne entert zum ironischen Agitprop und im zweiten Akt Pappkulissen-Mittelalter gespielt wird.

Doch wie frei ist das "Lohengrin"-Personal in seinen Handlungen? Wie steht’s um die Identitäten der Figuren? Herheim verpasst dazu allen Marionetten-Doubles, größter Puppenspieler ist natürlich Richard selig. Eine Gefahr birgt die überbordende Gedankenwelt: Die Aufführung droht in kleinteilige Kommentare zum Stück zu driften. Doch Herheim kaschiert das mit Sinnlichkeit und perfektem Handwerk. Sogar orthodoxen Zuschauern wird mehr untergejubelt, als ihnen lieb ist. Es gibt große, berührende, kitschige Momente - und spektakuläre, wenn Lohengrin nach der Himmelfahrt als Marionette auf die Bühne klatscht und einen erbarmungslos platten Tod stirbt. Musikalisch kündet der Abend von der selbstbewussten Wagner-Kompetenz der Staatsoper. Abgesehen von Ermüdungsstrecken: Es sind gar nicht die mit grimmigem Pathos verdichteten Momente, die nachhallen. Barenboim spürt etwa in Elsas Monologen Klang-, vor allem Bläserfarben auf, die aus der krachenden Partitur groß dimensionierte, genau ausgehorchte Kammermusik machen.

Dorothea Röschmann (Elsa) empfiehlt sich dabei fürs jugendlich-dramatische Fach. Klaus Florian Vogt, weltweit als ätherischer Lohengrin gebucht, klingt geerdeter als sonst. Kwangchul Youn gestaltet einen phänomenalen König Heinrich, während Michaela Schuster die Ortrud, die sie auch beim Münchner Festspiel-"Lohengrin" singen wird, hexenhaft übersteuert.

Wesentlich weniger schwindlig wird’s einem tags darauf in der Komischen Oper. Calixto Bieito glückt mit Glucks "Armida" eine konzentrierte Deutung im kühlen Stahl-Ambiente. Für die Geschichte der zur Liebe unfähigen Titelheldin, die beim Krieger Rinaldo entflammt und sich vergeblich an ihm abarbeitet, findet Bieito stringente, kluge Bilder. Armida hält nackte Jünglinge als sexuelles Fußvolk, Rinaldos Ritter stürmen wie eine Delegation aus Neukölln ins erschrockene Parkett. Und nur gelegentlich flammt an diesem intensiven, körperbetonten Abend Bieitos Blut-und-Boden-Ästhetik auf: Auch Revoluzzer kühlen ja mal ab. Konrad Junghänel trimmt das Orchester auf einen temperamentvollen, am Originalklang geschulten Gluck-Sound. Die Solisten, allen voran Maria Bengtsson (Armida), opfern beherzt Schönklang dem dramatischen Ausdruck.

Und wieder ist das Rezept aufgegangen: Die Komische Oper setzt auf rasantes Regietheater, schießt dabei zuweilen übers Ziel hinaus, hat sich damit aber am eigenen Schopf aus der Schließungsdebatte gezogen. Eine andere Berliner Nische besetzt die Staatsoper: die der - zwar baulich maroden - Luxus-Institution, wo Barenboim mit hohem finanziellen Aufwand die Umwandlung zu einem Art Edel-Orchester mit angeschlossenem Opernhaus betreibt.

Und obwohl die Staatsoper demnächst ins Schillertheater umziehen muss, dafür noch kein Konzept zu haben scheint, spielt die Rolle des Aschenputtels jemand anders: die Deutsche Oper im Westen. Die glücklose Intendantin Kirsten Harms steht vor der Nicht-Verlängerung - zumal der künftige Chefdirigent Donald Runnicles schon durchblicken lässt, er würde den Laden gern ganz übernehmen.

Das nach München zweitgrößte Haus kämpft weiter mit schlechten Besucherzahlen und schwindendem Budget. Als Ausweg will Runnicles in Barenboims Wäldern wildern. Er setzt auf saftige Wagner-Braten als Lockmittel, unter anderem auf einen neuen "Rienzi" mit Filmregisseur Philipp Stölzl ("Nordwand"). Viel Wagner in einer Stadt, das hat schon einmal kaum funktioniert. Doch einen echten Koordinator der drei Häuser mochte sich Berlin noch nie leisten - da lebt sich’s lieber ungeniert mit der Krise.

von Markus Thiel

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