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Mariss Jansons mit seinem BR-Symphonieorchester.

„Zwölf Stunden am Tag besetzt“

Nach dem Tournee-Stress des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: Ein Gespräch mit Dirigent Mariss Jansons in seiner Heimatstadt St. Petersburg.

Also doch ein früher Frauenschwarm. Gutaussehend, verehrt – und dann sogar noch mit Tendenz zum Klassenprimus. Einfach perfekt. „Die Mädchen haben ihn geliebt“, erinnert sich seine Lehrerin und verdreht wonniglich die Augen. „Und er war so fleißig!“ Zwischen 1956 und 1962 war das. Wenn man heute in der St. Petersburger „Spezial-Musikschule Rimski-Korsakow“ steht, beschleicht einen der Gedanke: Seitdem hat sich hier nichts getan. Holzteile lösen sich aus dem Parkett, die Wände sind von bräunlicher Patina überzogen, ein Klavierflügel, dem ein Bein fehlt, wird von einem darunter geklemmten Stuhl in Balance gehalten.

„Viel Geld“ brauche eben seine alte Musikschule, sagt Mariss Jansons, Chef des BR-Symphonieorchesters. Und bei Fragen nach seinen Frauenheld-Qualitäten hebt er abwehrend die Hände. „Ich kam von Riga und sah ein bisschen anders aus. Ich war größer als die russischen Knaben, da fiel ich eben auf bei den Mädchen.“ Heute kann er darüber grinsen. Doch damals, mit 13 Jahren, war für ihn der Umzug mit den Eltern von Lettland nach Russland „eine Tragödie, ein Trauma“. Der Vater, der so hochverehrte Dirigent Arvid Jansons (1914-1984), bekam ein lukratives Angebot aus dem damaligen Leningrad – was blieb der Familie also anderes übrig?

Anfangs habe er „Komplexe“ gehabt, erzählt Jansons. Kein Wort Russisch konnte er. Im ersten Diktat zählte der Lehrer 47 Fehler, nach drei Monaten nur noch vier. Geholfen hat die Hauslehrerin – vier bis fünf Stunden nach dem normalen Unterricht. „Ich war also zwölf Stunden am Tag besetzt“, wie es Jansons formuliert. Aus dem Trauma ist inzwischen ein Traum geworden. Wenn der Dirigent heute von St. Petersburg spricht, sagt er „meine Stadt“. An einem der Kanäle, die von prachtvollen klassizistischen Gebäuden gerahmt werden, hat er mit seiner Frau Irina eine Stadtwohnung, weiter draußen eine Datscha.

Wie viel ihm dieser Ort bedeutet, ist zwei Tage nach dem großen Tournee-Finale zu spüren. Aller Stress der Osteuropa-Reise mit seinen BR-Musikern ist von Mariss Jansons abgefallen und die Grippe, die das Projekt sogar gefährdet hatte, ausgestanden. Kein Autor hätte diese Steigerungsdramaturgie besser hinbekommen: von Zagreb über Sofia und Moskau nach St. Petersburg, wo sich das Publikum drei Zugaben erklatschte und Jansons danach zum mitternächtlichen Dinner in einen Palast bat (wir berichteten). „Das hat mich so viel Mühe und Energie gekostet“, sagt Mariss Jansons lächelnd – und meint weniger die Konzerte, sondern die Organisation der Feier. „Und meine Frau, mein Gott...“ Furchtbar viel „Planierung“ und „Treffung“ war notwendig, wie sich der Dirigent nach Angaben seines näheren Umfelds auszudrücken pflegt.

Dieser uneitle Star hat eben viele Gesichter. Einmal das des unnachgiebigen, alles wissen wollenden Planers, der seine Umgebung mit teils nächtlichen Telefonaten traktiert – und sich dabei wenig um seinen Gesundheitszustand schert. Dann das Gesicht des Gastfreundes, der sich fast panikartig nach den richtigen Bier-Sorten für die Feier erkundigt und noch im Laufe des Abends mehrfach die angstvolle Frage stellt: „Ist wirklich genug zu essen da?“ Und schließlich das des hochtourig agierenden, manchmal auch wie losgelöst wirkenden Pult-Magiers, der sich beim St. Petersburger Konzert an den Bläser-Soli und dem Streicherklang seines Orchesters väterlich ergötzen kann. Der dann strahlt und jene jungenhaften Gesichtszüge bekommt, die viele fragen lassen: „66 soll er sein?“

„Kosmische Momente“ nennt Mariss Jansons solche Situationen. Nicht immer stellten die sich ein. In Moskau und vor allem bei der letzten Tournee-Station in St. Petersburg habe es jene Augenblicke gegeben. Auch wenn Jansons gar nicht so gerne über das Emotionale eines solchen Auftritts reden mag. „Es war ein Konzert. Die Hauptsache ist, dass wir gut spielen – nicht nur in St. Petersburg, sondern auch in den Münchner Abonnementkonzerten.“ Jene „kosmischen Momente“ sind es, denen auch das BR-Symphonieorchester verfällt. Anders als Vorgänger Lorin Maazel, dessen Brillanz man mit Respekt und Ehrfrucht begegnete, schlägt Jansons anderes entgegen: Liebe. Gerade in Stress-Situationen wie auf dieser Osteuropa-Tournee, die fast täglich eine neue Metropole brachte. Jansons’ großes und eben auch ein bisschen krankes Herz ist daran schuld, dass sein Ensemble weiter geht, bedingungsloser spielt als bei allen anderen Dirigenten.

Rhythmisch wird geklatscht und gejohlt, als er bei der Abschlussparty erscheint. Und eine kleine Träne im Auge von Vorstand Heiner Braun mag man erkennen, als der sich für die Reise bedankt – und Jansons bittet, doch auch nach 2012 in München zu bleiben. Ein Vertragsangebot des Bayerischen Rundfunks liegt offenbar auf dem Tisch. Beste Voraussetzung also, noch einmal eine ähnlich triumphale Reise nach Russland anzutreten. Auch wenn Jansons im Gespräch lächelnd bremst: „Wir sollten das Publikum nicht wie ein Krokodil füttern, sondern wie eine Schlange. Die muss langsam verdauen.“

Von Markus Thiel

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