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Vibration zum Zwecke der Genesung: Dr. Givings (Norman Hacker) befreit Sabrina Daldry (Carolin Conrad) von ihrem inneren Druck – und wahrt dabei zugleich die Intimsphäre der Hysterie-Patientin.

"Mmmh. Aaaah. Oooh": Premierenkritik

München - Am Thema vorbei gestöhnt: Barbara Webers Inszenierung von „Nebenan – The Vibrator Play“ im Cuvilliéstheater. Lesen Sie hier die Premierenkritik!

Es klingt wie ein schlechter Scherz, aber es gab eine Zeit, da konnte sich die Männerwelt sexuelle Wünsche der Frauen, weibliches Begehren nur mit dem Krankheitsbild „Hysterie“ erklären. Die Frauen ließen sich – in der Mehrheit ihren Gatten untertan – ohne Widerrede den Befund diagnostizieren und therapieren. Diese Zeit liegt noch gar nicht so lange zurück, manchmal drängt sich gar der Eindruck auf, als wirke sie mancherorts bis heute nach.

In ihrem vor drei Jahren uraufgeführten Stück „Nebenan – The Vibrator Play“ erzählt die US-amerikanische Autorin Sarah Ruhl, Jahrgang 1974, von dieser Zeit – und wie sie dank der Erfindung der Elektrizität und des Siegs der weiblichen Neugier endete: Dr. Givings, Spezialist für Hysterie, behandelt um das Jahr 1880 im „Raum nebenan“ seine Patientinnen mit dem gerade erfundenen Vibrator, befreit sie vom „Druck“ im Körper. Neugierig geworden, fleht ihn seine von ihm stark vernachlässigte Frau an: „Experimentiere an mir!“ Doch der Arzt, unfähig zu erkennen, was er eigentlich macht, erklärt, es gehöre sich nicht für „einen Mann der Wissenschaft, an seiner eigenen Frau zu experimentieren“.

Da nimmt Catherine ihr Schicksal selbst in die Hand und testet gemeinsam mit einer Patientin die neue medizinisch-technische Errungenschaft. Doch mit der Zunahme der Orgasmen im konservativen Haushalt der Givings’ wird plötzlich auch verstärkt über Liebe, Eifersucht – kurz: über Gefühle – gesprochen.

Sarah Ruhls Zweiakter, mit dem sie ihr Debüt am Broadway gegeben hat, ist nur auf den ersten Blick eine witzig-leichte Geschlechterkomödie mit glücklichem Ausgang. Denn letztlich erzählt die Autorin, wie sehr der weibliche Körper und seine Sexualität (männlicher) Kontrolle und Macht unterworfen waren – vielleicht noch immer sind.

Leider hat sich Barbara Weber, die im Münchner Cuvilliéstheater die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks inszenierte, zu sehr auf die Komik konzentriert. Ruhls durchaus ernsthaftes Thema jenseits der schnellen Pointen, der Wortwitze und fliegenden Dialogfetzen ließ die Regisseurin von den Schauspielern wegstöhnen. Der knapp zweistündige Abend ist so krawallig, klamaukig und schrill überzeichnet, dass er aufgrund seiner Hochtourigkeit oft ins Leere läuft.

Doch der Text geht tiefer, als Weber trotz ihres Hangs zur szenischen Überdeutlichkeit zeigt. Dazu braucht es aber Ruhe, denn man muss den Figuren zuhören. Da erzählt die Patientin Sabrina Daldry etwa vom ehelichen Verkehr: Es geht um Schmerz und darum, dass sie unbeteiligt ist und ihr Mann versucht, vorsichtig zu sein. Das immerhin. Aber nicht zu vergleichen sei diese Pflichtübung mit dem Spaß, der Lust, der Entspannung, die sie bei der Behandlung mit dem Vibrator erlebe. Letztlich bringt die Amme die gesellschaftlich höher stehenden Damen Sabrina Daldry und Catherine Givings darauf, dass beide Vorgänge eigentlich dieselben sind. Sein sollten.

Diese ernsthafte Geschichte der Emanzipation, des Schritts der Frauen heraus aus der männlichen Bevormundung durch das Entdecken ihrer eigenen Sexualität dringt in Webers Inszenierung zwischen all den affektierten Lustschreien aber kaum durch. Die Regisseurin konzentrierte sich auf: Mmmh. Aaaah. Ooooh – stöhn mir das Lied vom kleinen Tod. Schade.

Die Komik des Textes hat Weber temporeich erarbeitet. Norman Hacker gibt den Arzt derart wissenschaftlich korrekt, als wisse er wirklich nicht, was seine Behandlungsmethode mit Onanie zu tun hat. Hanna Scheibe als Gattin ist dagegen so permanent am Rande des Wahnsinns unterwegs, dass sie manchmal den Bogen überspannt.

Am meisten beeindrucken Carolin Conrad als Patientin, die im Lauf der Behandlung ihre Lust auf Frauen entdeckt, und Thelma Buabeng, die als schwarze Amme gesellschaftlich in den USA um 1880 zwar zur Unterschicht gehört, doch das meiste über Frauen weiß. Diese beiden Schauspielerinnen können ihre Figuren am besten vor dem kracherten Stil der Inszenierung schützen. Ihnen gehören die raren Momente der Reflexion. Ein paar mehr von diesen – und der Abend wäre richtig gut geworden.

Michael Schleicher

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heute sowie am 1., 8. März; Telefon 089/ 2185 1940.

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