Probenbesuch

"So moan i des, verstehst?"

"Jetzad bin i amoi der Bischof von Budoja." Spricht’s und wedelt mit den Armen Tenöre und Bässe her zu sich. Schüttelt hier eine Hand, klopft dort eine Schulter, während er dem nächsten heftig grimassierend zunickt, um gleichzeitig in ein irres Lachen auszubrechen.

Jetzad bin i amoi der Bischof von Budoja." Spricht’s und wedelt mit den Armen Tenöre und Bässe her zu sich. Schüttelt hier eine Hand, klopft dort eine Schulter, während er dem nächsten heftig grimassierend zunickt, um gleichzeitig in ein irres Lachen auszubrechen. "So moan i des, verstehst?" Und Ulrich Reß, eigentlich als Bischof von Budoja vorgesehen, nickt. Also von vorn. Auch wenn Reß vielleicht nicht ganz so übertourig gelaunt ist. Aber Hans Pfitzners "Palestrina" mit dem Hochdruck von Christian Stückl gespielt, das könnte die Angelegenheit dann doch ins Groteske driften lassen.

39 Rollen listet der Besetzungszettel auf, und Stückl, so darf vermutet werden, würde am liebsten alle selbst vormachen, Engelsstimmen und Erscheinung der Lukrezia inklusive. Doch irgendwann braucht auch dieser Regisseur Abstand. Der 47-Jährige hetzt also über den Metallsteg, der den Orchestergraben des Nationaltheaters überspannt, stellt sich vor die erste Parkettreihe und hebt die Arme. Ausgestreckt, in Segenshaltung, mitmurmelnd, die Figuren wie durch Fernsuggestion in der Spannung haltend - ein Dirigent, der ein Zeitlupenstück zu taktieren scheint. Im mittleren Parkett bleiben Beleuchter und Assistenten derweil unter sich: Am Regiepult hält es Stückl schon lange nicht mehr.

Wie Opernintendant Nikolaus Bachler ausgerechnet auf ihn, den Chef des Münchner Volkstheaters kam, kann sich Stückl nur so erklären: "Er dachte sich halt: eine Münchner Oper, viel Religion - da bin ich der Richtige." Und das, obwohl Stückl zum Zeitpunkt der Anfrage vom 1917 an der Isar uraufgeführten Werk nichts bis wenig wusste: "Palestrina, wos hodn der für a Oper g’schriebn?"

Doch das liegt viele Monate zurück. Jetzt steht Stückl hier in der Bayerischen Staatsoper und hat es mit einer harten Nuss des Rand-Repertoires zu tun. Denn Pfitzners "Palestrina" verknüpft in dreieinhalb Stunden Religionsphilosophisches mit einer Reform der Kirchenmusik. Mitte des 16. Jahrhunderts, zur Zeit des Konzils von Trient, verlangte man vom Titelhelden, den darob schwere Skrupel plagten, eine Modellmesse für den Vatikan und damit für den katholischen Gottesdienst überhaupt zu komponieren. Keine Liebesgeschichte bietet diese Oper also, keine Schmacht- und Romantikszenen, dafür spitzfindige Selbst- und Kirchenreflexionen und einen personenreichen zweiten (Konzils-)Akt, der dem dritten von Wagners "Meistersingern" in nichts nachsteht.

Genau um den dreht sich dieser Vormittag. Das ideale Material also für Stückl, den am "Jedermann" gestählten Massenbeweger. Im Graben sitzt heute kein Orchester, das probt zeitgleich unter der Leitung von Simone Young im Neubau. Ihr Assistent Tobias Foskett dirigiert dafür ein Klavier, vor allem aber Solisten, Chor und Extrachor. Wenn er denn dazukommt. "Mia kemma do nei. Geht’s ia amoi do nüba." Und: "I bin jetzad da Erzbischof von Prag, schaugt’s mi o!" Seit Christian Stückl probt, ist endlich auch hörbar, dass hier an der weißblauen Staatsoper gearbeitet wird.

Ein 1:1-Nachbuchstabieren des Kardinalstreffens darf man sich vom Spielleiter der Oberammergauer Passion dabei nicht erwarten. Stefan Hageneiers horizontal geteilte Bühne ist von strengen geometrischen Formen geprägt. Viele der Eminenzen tragen eine übergroße, quietschrosafarbene Mitra, die Giovanni Morone alias Michael Volle gleich kokett auf dem Kopf wackeln lässt. Der Pontifex Maximus fährt nicht im Papamobil, sondern in der Stretchlimousine vor. Und gelegentlich unterläuft dem bibelfesten Stückl ein vielsagender Versprecher à la "das Abendmahl in beiderlei Geschlecht, äh Gestalt".

Vor allem der Chor, so erzählt man sich, ist hingerissen von Stückl, der nach Beethovens "Fidelio" und Salieris "La Cifra" hier seine dritte Oper inszeniert. Bei den Solisten überwiegt eher Amüsement bis Verwunderung: Unter 160 Prozent probt Stückl nicht, dem man am liebsten ein Fläschchen Baldrian hochreichen würde.

"Mia san ganz locker", empfiehlt er dem Bühnenpersonal - und ist es gerade nicht. Ein Überdruckmann. Ein Besessener im besten Sinne. Völlig gefangen genommen vom Werk und seiner Arbeit. So stark, dass Stückl sogar sein größtes Laster für zwei Stunden ruhen lässt. Denn im eigenen Volkstheater darf er mit Glimmstengel proben, im Nationaltheater ist dies undenkbar. Also die perfekte Chance zum Abgewöhnen? "Naa, des geht ned", sagt Stückl während der Pause, die er etwas zitternd gegenüber auf der anderen Seite der Maximilianstraße verbringt. Bei einem Cappuccino im Freien und vier Zigaretten in 20 Minuten.

Ganz besondere Erfahrungen habe er, der Schauspielmann, mit Opernsängern gemacht. "Die haben eine Extra-Schublade für die Regie", sagt Stückl. "Die fragen gleich: Wohin soll ich? Was muss ich wo machen?" Und das Beste: "Die speichern das auch noch bis zum nächsten Mal ab." Schauspieler dagegen reagierten während der Probe anders: "Ich war das letzte Mal emotional total woanders." Stückl grinst. Ein weiterer Szenendurchlauf. Stückl steht wieder im Parkett ("Meine Assistenten sagen oft: Jetzt geh’ endlich runter von der Bühne"), folgt konzentriert, um dann ("Naa, aus!") auf die Bühne zu sprinten, Momente zu erklären, zu schärfen, zuzuspitzen. Den Konzilsakt, das ist in diesem Probenstadium zu ahnen, fasst Stückl nicht gerade mit spitzen Fingern an. Den Kardinälen wird ihre Eitelkeit, ihre Selbstgerechtigkeit eher um die Ohren gehauen - was ja durchaus im Sinne Pfitzners ist.

Bestes Regie-Futter also für Christian Stückl, der mit Blick auf die Rahmen-Akte aber schon mal aufseufzt: "Palestrina", der müsse halt leider ohne den klassischen Dramenkonflikt auskommen. Kein Blut, keine Tränen, vor allem: keine Minne. "Aber wissen’s wos? Irgend a Madl erfind i dann halt no. Die schaugt zum Schluss durchs Fenster nei und kriagt a schnell’s Busserl."

Markus Thiel

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