Modern Dance und das Publikum

- "Sparen, sparen" heißt die harsche Melodie, nach der auch Deutschlands Staatstheater jetzt tanzen müssen. Dem Stiefkind Ballett/Tanz bläst man diesen Spar-Marsch besonders scharf in die Ohren. In Bayern stimmte ihn der Oberste Rechnungshof (ORH) jetzt im Staatstheater am Gärtnerplatz an - eben auch wegen dessen "BallettTheater München" (BTM) unter Leitung des Modern-Dance-Choreographen Philip Taylor. Und schlägt gar eine Zusammenlegung mit dem Bayerischen Staatsballett vor.

<P>Alarm, Alarm? Der ORH verweist auf einen Besucherrückgang um 38 Prozent im Bereich Tanz, und zwar ab 1994/95 (Taylor kam 1996). Sogleich - und volle Rückendeckung für getadeltes Haus und seinen Intendanten Klaus Schultz - kontert das Kunst-Ministerium: mit kleinen Zahlenkorrekturen, mit "gesamtwirtschaftlicher Lage", mit der Konkurrenz von neuen Spielstätten, Musicals, Festivals. Räumt jedoch ein: "Dies schließt nicht aus, dass in einigen Bereichen - etwa beim Ballett - Probleme bestehen."</P><P>Wie das? Philip Taylor ist ein ausgezeichneter Tanzchef, hat ein exquisites Ensemble aufgebaut. Manche reden da von einem Quantensprung im Vergleich zur Ära Pick. Halten Taylor sogar für einen der begabtesten Choreographen Deutschlands. Trotzdem: seine Modern-Dance-Abende laufen nicht wie erhofft. Bei einem so großen ästhetischen Wechsel brauche das Publikum Anlaufzeit, argumentiert der Intendant. Sicher doch, nach 20 Jahren hatten sich auch die einst empörten Türknaller an Pina Bauschs Tanztheater gewöhnt. Nur: Bausch geht regelmäßig auf Welt-Tournee.</P><P>Taylors Abende müssen aber hier Repertoire-fähig sein. Sprich: so attraktiv, so komplex, dass man sie zwei, drei Mal und öfter anschauen möchte. Sind sie das? Und selbst wenn: Auch beim Bayerischen Staatsballett (BStB) verkaufen sich die modernen Dreiteiler - mit Balanchine, Robbins, Forsythe, Ek, Kylian, van Manen - nicht so gut. Aber: das BStB hat auch alle Klassiker im Repertoire, von Petipa bis Ashton, Cranko, MacMillan und Neumeier - die finanziell alles rausreißen. Denn Neues muss probiert werden. Wenn Kunst nur von "Soll und Haben" abhängt, ist sie schon töter als tot. Eine Balance hingegen ist geboten, nicht nur bei den aktuell leeren Kassen.</P><P>Die fingen schon Ende der 80er-Jahre an, hohl zu klingen. Und da kamen die Intendanten auf die berühmte Klappe für zwei Fliegen: sich mit Modern Dance/Tanztheater zu profilieren und dabei gleichzeitig die Ensembles klein zu schrumpfen. Gewiss, die "Giselles" im notgedrungen preiswerten Provinz-Ballettformat, das ging nicht mehr. Doch das "Zwei-Fliegen"-Rezept scheint nicht anzuschlagen.</P><P>Ex-Baseler Tanzchef Joachim Schlömer hat ja wieder die Flucht ins Freischaffen ergriffen. Und so manch anderer Stadt-/Staatstheater-Tanzchef, als freier Choreograph interessant, plagt sich unter der Last der regelmäßig erwarteten Saison-Produktion. Auch Taylor hat dafür nicht eigentlich die Puste. Hat aber auch nicht das Geld, um spannende Gastchoreographen einzuladen, wie er gerne möchte. Wendig wie er ist, und dabei souverän, fördert er choreographischen Nachwuchs aus dem eigenen Ensemble. Alles schätzenswert und nicht zu zerstören.</P><P>Sollte er sich aber einmal woandershin orientieren, könnte der ORH-Vorschlag, vor Jahren schon einmal im Gespräch, näher angeschaut werden. Da das BStB seit 98/99 ganz, das BTM bis auf zwei Produktionen vom Opern/Musical-Service befreit ist, dürfte das damals vorgebrachte Hindernis, die schwierig zu koordinierenden beiden Dispositionspläne, heute kein Thema mehr sein. </P><P><BR> </P>

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