Ein moderner Franz Biberkopf

München - Sven Regener macht Karl Schmidt, Nebenfigur in seinem Debüt „Herr Lehmann“, zum Helden seines neuen Romans.

Wir schreiben das Jahr 1994. Die Kinderjahre des wiedervereinigten Deutschland, die Zeit der wummernden Bässe, die Zeit des Techno. Karl Schmidt bekommt davon nichts mit, er lebt in einer Ex-Süchtigen-WG. Zwangsweise völlig clean. Perfekt, denkt sich Musikproduzent Raimund Schulte. Wer wäre geeigneter, eine verstrahlte Techno-Crew sicher durch die Clublandschaft zu kutschieren als einer, der einfach keine Drogen nehmen darf?

Zwölf Jahre nach seinem großartigen Debütroman über den Kreuzberger Barkeeper „Herr Lehmann“ ist Sven Regener ein weiterer Geniestreich gelungen, indem er nun die Nebenfigur der Lehmann-Romane, den gescheiterten Künstler Karl Schmidt, zum Protagonisten seines Buchs „Magical Mystery“ gemacht hat. Nachdem der Erstling zum Bestseller wurde, hatte Regener „Herr Lehmann“ zur Trilogie ausgeweitet. „Neue Vahr Süd“ beschreibt dessen Jugend in Bremen. „Der kleine Bruder“ erzählt Lehmanns Ankunft in der Mauerstadt. Beide Bücher bewiesen erneut, dass der Frontmann der Band Element of Crime ein Autor ist, der wie wenig andere die sehr undeutsche Kombination von stilistischer Leichtigkeit, intelligenter Reflexion von Zeitgeschichte und schrägem Humor beherrscht. Dennoch waren diese Romane wie Ersatzdrogen für Lehmann-Fans. So ganz konnte der heute 52-Jährige die Meisterschaft seines Debüts nicht wiederholen – was ihm jetzt jedoch gelungen ist.

Wie Lehmann ist Schmidt ein Beobachter, der immer ein Stück neben den Ereignissen steht und sie daher trocken zu kommentieren vermag. Wie Lehmann wird er dem Leser zum Vertrauten. Aber im Gegensatz zu Lehmann ist Schmidt ein weitaus tiefgründigerer Charakter, ein Beschädigter, ein Gescheiterter, ein moderner Franz Biberkopf, dessen mühsamem Weg zurück ins Leben wir folgen dürfen.

Wir erinnern uns: Lehmanns bester Freund ist am Ende des ersten Romans kurz vor der Eröffnung seiner Ausstellung wegen zu viel Stress, Schlafmangel und Aufputschmitteln zusammengebrochen. Es war just am Tag des Mauerfalls. Lehmann lieferte Karl Schmidt im Krankenhaus ab. Fünf Jahre später arbeitet Schmidt, als Multitox-Drogenwrack eingestuft, als Hilfshausmeister in einem Hamburger Kinderkurheim und lebt unter sozialpädagogischer Überwachung. Es ist ein Leben ohne Höhe- oder Tiefpunkte, ein Leben ohne Träume. Und so wäre es geblieben, hätte Schmidt nicht zufällig seinen alten Freund aus Berliner Tagen, Raimund Schulte, getroffen. Der ist inzwischen eine Größe der Technoszene und plant eine Tour durch die deutsche Clublandschaft von Bremen bis München, die dem kühlen Sound Hippie-Flair verleihen soll: „Magical Mystery – wie bei den Beatles“. Dass das schon bei den Fab Four schiefgegangen ist, stört Schulte nicht. Und so verbringt Schmidt seine Ferien, wo einer wie er nie sein dürfte: am Steuer des Tourbusses, inmitten von hedonistischen Verlockungen jeder Couleur.

Es ist bewundernswert, wie Regener aus der Ausgangslage seines Romans immer wieder einzigartig skurrile Situationen entwickelt. Und wie er seine Figuren zu sprachgewaltigen Monologkaskaden auflaufen lässt, an deren Ende so bahnbrechend redundante Erkenntnisse stehen wie „Einfach noch einmal dasselbe machen“. Dass dieses Buch hinreißend komisch ist, steht also außer Frage. Dass es sich darin nicht erschöpft, macht es zu großer Literatur.

In feinen, hoch sensiblen Miniaturen vermag Regener die fragile psychische Befindlichkeit Schmidts zu schildern, das „dunkle Gefühl“, die Angst, erneut in einer Depression zu versinken. So landet Schmidt in einer der bittersten und anrührendsten Szenen des Romans in einer Kölner Kunstbuchhandlung. Um sich unversehens mit sich selbst konfrontiert zu sehen: Auf dem Cover von Katalogen zu seiner Ausstellung, die ja nie stattgefunden hat. Er kann dieses Buch nur in einer undurchsichtigen Tüte mitnehmen, weil er den Anblick dessen, der er einmal war, nicht aushält. Doch es gibt ein Heilsbad auch für Schmidts Seele: den stampfenden Dumpfbackentechno. Als Schmidt einen DJ auf der Bühne vertreten muss, kommt ihm angesichts der zappelnden, begeisterten Masse die Erkenntnis, dass es im Leben doch auch so etwas wie simple Daseinsfreude geben kann – „so rein und so ohne Arg und Hintersinn“. Als Schmidt am Ende des Romans erneut in Berlin eintrifft, und ihn ein letztes Mal die Angst überkommt vor den dunklen Schatten seines alten Lebens, genau da hat ihm Regener die schönst mögliche Hymne überhaupt an die wiedervereinigte Stadt in den Mund gelegt: „Da begriff ich erst wieder, dass sie ja direkt neben der alten noch eine neue Stadt aufgemacht hatten, in der ich noch einmal von vorn anfangen konnte.“

Albert Meisl

Sven Regener:

„Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“. Galiani, 512 S.; 22,99 Euro.

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