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„Verrückte, fast nicht tragbare Modelle“: Christian Lacroix schafft stets ungewöhnliche Kleider, die beiden linken Bilder zeigen Entwürfe für die Münchner Produktion.

Modeschöpfer Lacroix an der Staatsoper: „Frauen zu Heldinnen machen"

München - Kostbare Stoffe in glühenden Farben, filigrane Roben, märchenhafte Hochzeitskleider - Christian Lacroix' Kreationen setzten in den späten 80er- und den 90er-Jahren Maßstäbe für die Pariser Haute Couture. Bald werden seine Kreationen an der Bayerischen Staatsoper zu bewundern sein.

Für den Modeschöpfer waren diese, wie er selbst bekannte, „verrückten, fast nicht tragbaren“ Modelle immer schon „eine Art, Theater zu machen“. Längst hat er einen internationalen Ruf als Kostümzauberer in den darstellenden Künsten. Für Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ - eine Opernversion von Shakespeares „Romeo und Julia“ - holte ihn jetzt die Bayerische Staatsoper. Vincent Boussard inszeniert. Premiere ist am kommenden Sonntag im Nationaltheater mit Yves Abel am Pult, Vesselina Kasarova als Romeo und Eri Nakamura als Giuletta.

Die Insolvenz des 1987 gegründeten Mode-Unternehmens Lacroix vor zwei Jahren war sicher schmerzlich. Aber im Grunde ist der 59-Jährige nun genau dort angekommen, wo er sich immer schon zu Hause fühlte. „Ich habe die Mode geliebt, weil es eine Möglichkeit war, die Frauen zu fiktionalen Heldinnen zu machen“, resümiert Lacroix. „Wir hatten sehr viele Aufträge für Hochzeiten in orientalischen Ländern. Die jungen Frauen dort haben ihre eigenen Vorstellungen - wie die Venus von Botticelli auszusehen oder wie Alice im Wunderland. Und das wollte ich umsetzen. Ich habe nie darauf hingearbeitet, ein ,Couturier‘ zu werden, der Stoffe, Schnitte und Formen erfindet. Für mich war es vor allem wichtig, die Bekleidung anders zu gestalten, als das, was man im Alltag sieht.“

Erinnert er sich an den ersten Funken dieser Faszination des Theatralen? „Ich glaube, das war, als meine Großeltern mich ins Theater mitnahmen. Als kleiner Junge hatte ich den Eindruck, dass das richtige Leben erst begann, wenn der rote Vorhang aufging. Zwischen den Theaterbesuchen langweilte ich mich. Deshalb bin ich heute eher ein ,Szenograph des alltäglichen Lebens‘. Wenn ich ein Hotel, einen Zug, eine Straßenbahn (für Montpellier zum Beispiel im Meeres-Design, die Red.) ausstatte, Möbel entwerfe, wie jetzt gerade in Italien, das ist so, als ob ich ein Dekor schaffe, um die Realität zu theatralisieren.“

Auch ohne Mode ist Lacoirx viel-, eher überbeschäftigt zwischen seinen Beruf(ung)en als künstlerischer Berater der französischen Münzprägeanstalt, als Ausstellungs- und Festival-Kurator und Kostümdesigner. Zeit hat er eigentlich nie. Nur fünfzehn Minuten fürs Interview! Und doch schafft er es, warmherzig, offen, sich und seinen Lebensweg mitzuteilen: die glückliche Kindheit im südfranzösischen Arles; die kulturelle Anregung durch den theaternärrischen Großvater, der als Beschäftigter der Eisenbahngesellschaft Paris-Lyon-Méditerranée dafür sorgt, dass das „schöne Arles“ auch ans Eisenbahnnetz angeschlossen wird; sein Studium hin auf eine Laufbahn als Museumskurator; die Ermutigung zur Mode durch seine bei Hermès beschäftige Frau - mit der er übrigens seit 1974 verheiratet ist.

Premiere am kommenden Sonntag; Telefon: 089/ 2185-1920.

Schon beim Start seiner Haute-Couture-Karriere im Jahre 1986 findet Regisseur Jean-Luc Tardieu, der nur ein Zwei-Sekunden-Lacroix-Defilee im TV gesehen hatte: „Der Junge muss ins Theater!“ Für seine „Phädra“-Kostüme 1990 an der Comédie Francaise bekam Lacroix den Molière-Preis. „Damit war ich im Theater offiziell anerkannt“, sagt er doch ein bisschen stolz. Es folgen Anfragen von Ballett-Star Mikhail Baryshnikov für seine „Gaîté Parisienne“-Version, von der Wiener Staatsoper für Balanchine-Ballette, von Köln für „Aida“. Und nach Händels Barockoper „Agrippina“ 2010 an der Deutschen Staatsoper Berlin mit Vincent Boussard jetzt wieder mit demselben Regisseur Bellinis „I Capuleti“.

Was war Lacroix’ Inspiration? „Die Sicht des Regisseurs. Solange Vincent mir nicht gesagt hatte, was er wollte, hab’ ich nicht in die Musik reingehört. Ich stelle mich immer in den Dienst des Regisseurs.“ Boussard habe etwas gewollt, das zugleich klassisch und zeitlos sein sollte. Der Ausgang für die Inspiration sei die dandyhafte Eleganz von Bellini selbst. „Die Männer sehen alle aus wie auf den Stichen des 19. Jahrhunderts, auch mit dieser kurvigen Körperlinie. Den Frauenchor stellte Vincent sich opulent historisch und zugleich modern vor. Also habe ich mich im Fundus bedient, hier Ärmel, da Röcke abgeschnitten, um danach alles durcheinanderzumischen. Entsprechend der körperlichen Erscheinung der Mitwirkenden - wir hatten bei einem Casting 25, 30 Frauen ausgewählt - haben wir direkt an jeder Einzelnen ein individuelles Patchwork-Kostüm entworfen.“ In der Hochzeitsszene, wo die Capulets und Montagues gegeneinander kämpfen, sei es gerade so, als ob die Mädchen keine Zeit gehabt hätten, ihre Kleider richtig anzuziehen, erläutert Lacroix. „Sie sehen alle ein bisschen derangiert aus. Gerade diese Arbeit war für mich eine große Freude - weil sie weit über die Couture hinausging.“

Danach kaum Zeit zu verschnaufen. Im September wird Lacroix seine Fantasie fürs Ballett der Pariser Oper spielen lassen. Ex-Etoile Jean-Guillaume Bart legt das Minkus/Delibes-Ballett „La Source“ („Die Quelle“) neu auf, das Arthur Saint-Léon 1866 just an der Opéra uraufführte. „Es wird ein nostalgisches Ballett werden, so ein bisschen Richtung Ballets Russes, also in sehr, sehr opulenten Kostümen und doch mit einer Qualität des Zeitlosen.“

Malve Gradinger

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