Mörder, Flittchen und Pfleger

- "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwann nicht gespielt habe", sagt Robert Joseph Bartl. Gerade spielt er Fliegenjagd. Egal, ob andere Gäste im Café´ sich wundern: Er demonstriert, wie er einen Mörder in sich findet. Lässt die Fliege lästig summen, mimt den im Schlaf Gestörten auf der Suche nach einer Waffe, will den Einband von Tante Ernas Buch nicht beschmutzen, wählt die alte Fernsehzeitung. Schlägt zu. Und aus purer Lust noch einmal, obwohl längst ein Blutfleck die Wand ziert. Nur die verzweifelte Aggressivität der Szene verhindert, dass man laut loslachen muss.

"Das ist archaisch, dieses Gefühl: ,Man hat's erlegt.’ Ich bin der Überzeugung, dass ich alles in mir habe, den Mörder, das Flittchen und den Krankenpfleger", sagt der 32-Jährige. Gewiss hat er auch einen großen Komiker in sich, der einen über die Unzulänglichkeiten der Welt lachen und innerlich Tränen vergießen lässt. Robert Joseph Bartl: Das sind 1,96 Meter Bühnenpräsenz, weich und geschmeidig. Ein zarter Koloss, an dem ein schweres Armband und mehrere Ringe zu unauffälligem Zierrat werden.Privat gibt der gebürtige Garmisch-Partenkirchener den sympathischen Dandy mit bayerischer Note. Mit dem geliehenen Zippo-Feuerzeug allerdings muss er noch üben für die Staatsschauspiel-Premiere heute im Haus der Kunst. Denn da spielt Bartl einen Pornoregisseur in "Suburban Motel", einem Grotesken-Reigen "über den Bodensatz einer kanadischen Vorstadt". Das Stück des Kanadiers George F. Walker ist in München nicht ganz neu: Im Januar hatte es Mario Andersen für die Halle 7 inszeniert. Jetzt fürs Staatsschauspiel ist Metropol-Chef Jochen Schölch der Regisseur. Er hat vier dieser sechs Geschichten über Kriminelle, Prostituierte und korrupte Cops gekürzt und miteinander verwoben.Den Zugang zu einer Figur findet Bartl, indem er "den ganzen riesigen Körper" mitnehme. Wie gut er das kann, weiß jeder, der ihn als Saturninus in "Titus Andronicus" gesehen hat, als eitlen König von Schweden in "Herzog Theodor von Gothland" oder als unglücklich verliebten Thomas Diafoirus im "Eingebildet Kranken". Für diese Leistungen wird er am 17. November mit dem Bayerischen Kunstförderpreis geehrt."Es gibt zwei Wahrnehmungen bei einer solchen Ehrung. Die innere: Es ändert sich gar nichts, da wir täglich raus auf die Bühne müssen und bei jeder Leseprobe bei Null anfangen. Man arbeitet weiter, versagt, gewinnt auch wieder. Aber die öffentliche Anerkennung ist nützlich für den eigenen Weg. Und natürlich freut man sich auch."Bartl weiß, wovon er spricht. Denn während der Ausbildung am Wiener Max-Reinhardt-Seminar erhielt er den Darstellerpreis des Festivals der Schauspielschulen - ausgerechnet in München. "Eine kleine Genugtuung", denn an der Falckenbergschule hatte er sich vergeblich beworben. Seither gelte er als Wiener, habe zwei Verträge quasi als solcher unterschrieben. Auch den in München, wo er seit 2001 engagiert ist.Ein Glück für den Oberbayern, der mit seinem Akzent seine Rollen subtil einzufärben weiß. "So viele waschechte bayerische Schauspieler gibt es nicht, und ich empfinde es als kleinen Auftrag, etwa einen Karl-Valentin-Abend in meiner Heimatgemeinde Farchant zu machen." Dort, wo Bartl schon als Bub immer gespielt hat. Hinter der Theke des elterlichen Feinkostgeschäfts etwa, wo er die Dialekte der Kurgäste aufschnappte. Weshalb er in den ersten Kabarettprogrammen als rheinländische Reinigungskraft auftrat."Wenn das Stück einen sechsten Akt hätte, würde ich sie auch kriegen."Robert Joseph Bartl Davor aber inszenierte er mit sieben sein erstes "Dornröschen". Bartl: "Die Idealbesetzung. Ich spielte den Prinzen und die Hexe, den Beau und die Böse zugleich." Und schließlich unterstützte das Klosterinternat Ettal, seit je den Oberammergauer Passionsspielen eng verbunden, mit seinem Schultheater die Talente des kleinen Bartl, dem das Theater immer "heilig und ernst war". So ernst, dass ihm als heiliger Joseph im Krippenspiel ganz schlecht wurde.Während eines Auslandsstudiums in Perugia bewarb er sich heimlich an Schauspielschulen. "Es klappte, als ich begriffen hatte, dass ich nicht Romeo bin. Man muss in jede Rolle Fantasie, Eros und Charme legen. Ob als Hausmeister oder väterlicher Freund, man muss sich sagen: Eigentlich bin ich der Liebhaber. Und wenn das Stück einen sechsten Akt hätte, würde ich sie auch kriegen."

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