Mörder ohne Reue

- Eine junge Frau begleitet ihre Mutter in deren letzten Stunden. Erst jetzt wird ihr deutlich, wie belastet das Verhältnis war, denn die Mutter hat ihr immer den Bruder vorgezogen, der Sympathien für die Linken zeigte, von der Armee desertierte, gefoltert wurde und starb.

Park Wan-seos Erzählung "Die Gezeichnete" bricht eindringlich und in Form einer privaten Geschichte mit einem der größten politischen Tabus der südkoreanischen Gesellschaft: dass hier, im vermeintlich freien, demokratischen Modell zum Steinzeitkommunismus Nordkoreas, bis zur Liberalisierung vor einem Jahrzehnt noch Folter, Spitzelei und politische Repression an der Tagesordnung waren.

Auch aus den meisten anderen Geschichten der beiden Anthologien "Die Sympathie der Goldfische" und "Koreanische Erzählungen", die sämtlich von bedeutenden Gegenwartsautoren Südkoreas stammen, kann man viel über Politik, Gesellschaft und Geschichte des Landes lernen. Die Grenze zwischen Nord und Süd und die Studentenopposition gegen die Militärdiktatur des Südens bilden fast durchweg den Hintergrund dieser kühlen, realistisch erzählten und auf stilistische Mätzchen weitgehend verzichtenden Storys.

Die Bücher bieten dadurch einen idealen Einstieg in fast alle Themen, die die koreanische Kultur der Gegenwart so einzigartig und faszinierend machen: die Suche nach persönlicher Identität, die Bedeutung der Familie, aber auch die Erfahrungen einer prekären Modernisierung.

Einen Höhepunkt der Anthologien bildet die Erzählung "Befestigter Gesang" von Yi Munyol, in der es um die Erfahrungen der Soldaten geht, die die Grenze am 38. Breitengrad bewachen. Alltägliche Unterdrückung spiegelt die Zwänge einer zerrissenen Gesellschaft. Ebenfalls herausragend ist Hwang Sok-yongs "Ein Mensch wie Du und ich", die Beichte eines Mörders ohne Reue.

Wer dann noch mehr über die kulturhistorischen Hintergründe solcher Geschichten erfahren will, ist mit dem kompakten Band "Im Brennpunkt: Korea. Geschichte - Politik - Wirtschaft - Kultur" gut bedient. Etwas betulich im Stil und trotz gewisser kulturpessimistischer Seitenhiebe auf die Modernisierung Südkoreas, werden viele Detailkenntnisse vermittelt. Eines ist sicher: Die koreanischen Erfahrungen werden uns auch in Zukunft so schnell nicht wieder los lassen.

"Die Sympathie der Goldfische. Neue Erzählungen aus Südkorea"; Hrsg. Friedhelm Bertulies. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ M., 288 Seiten; 15 Euro.

"Koreanische Erzählungen"; Hrsg. Sylvia Bräsel und Lie Kwang-sook. dtv, München, 253 Seiten; 9 Euro. Hanns W. und Ivo Maull:

"Im Brennpunkt: Korea." Beck Verlag, München, 232 Seiten; 12, 90 Euro.

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