Mördereliten und Frauen im Widerstand

- Untersucht werden historische Phasen, Regime und Katastrophen in allerhand Verzweigungen bis hin zu Religionszugehörigkeit, regionaler Verwurzelung oder Klasse. Die zentrale Markierung der Gesellschaft, das Verhältnis von Frauen und Männern, wird da entweder ignoriert oder als "Spezialität" begrüßt, um sie dadurch eleganter an den Rand drängen zu können. Klaus Theweleit hat diese Strategie mit seinen berühmten Buch "Männerphantasien" vor Jahrzehnten zu durchkreuzen Versucht. Kein Wunder also, dass die Tagung "Macht und Gesellschaft - Männer und Frauen in der NS-Zeit" seinen Vortrag "Männerphantasien und Männerhandeln" zum Auftakt am Freitagabend im Münchner Stadtmuseum erkor. Theweleit spannte den Bogen von den soldatischen Männlichkeits-Inszenierungen des 19. Jahrhunderts bis zu den aktuellen "Inszenierungen" der Folter im Irak.

<P>Irmgard Schmidt (ehemals Gleichstellungsstelle und Bezirksausschuss Maxvorstadt) hatte das Symposion, das sich auch über den Samstag erstreckte, angeregt im Hinblick auf das geplante NS-Dokumentationszentrum in München. Mitveranstalter waren Vereine von der Lagergemeinschaft Dachau bis zu Gegen Vergessen - Für Demokratie, dessen Vertreterin Anne-Barb Hertkorn die Einführung gab. Wichtig ihre Forderung, "die Geschlechterproblematik so weit zu stecken, dass sie auch auf heute beziehbar ist".</P><P>Die Historiker Lerke Gravenhorst, Habbo Knoch und Ulrike Haerendel skizzierten Sichtweisen auf die Beziehung von Männern und Frauen in der NS-Zeit. Gravenhorst legte deren "Asymmetrie" dar, das heißt, selbst Täterinnen hatten nie Gestaltungsmacht, die "Mörderelite" blieb männlich. Knoch verwies auf "Männlichkeitskrisen", die Gewalt auslösen, und auf eine "Verflüssigung der Geschlechtergrenzen". Haerendel räumte, empirisch belegt, mit dem Klischee auf, dass die Wählerinnen Hitler groß gemacht hätten. Alle Wissenschaftler waren sich einig, dass es viele noch zu erforschende Fragestellungen gebe, was das Geschlechterverhältnis angeht. Auch Katrin Seybolds bewegende Filmausschnitte bewiesen, wie wenig wir z. B. über Frauen im Widerstand wissen.</P><P>Vorreiterrolle</P><P>Bei der durch Sybille Krafft zielgerichtet moderierten Podiumsdiskussion mit Barbara Distel (KZ-Gedenkstätte Dachau), Irmgard Schmidt, Klaus Bäumler (BA Maxvorstadt), Ulrike Mascher (Initiativkreis NS-Dokumentationszentrum) und Merith Niehuss (Universität der Bundeswehr) wurde ebenfalls klar, dass dieser Analyseansatz inhaltlich für das Dokumentationszentrum bedeutend ist, zumal es damit eine Vorreiterrolle einnehmen könnte.</P><P>Auch diese Tagung bewies wie die vor eineinhalb Jahren, dass alle Persönlichkeiten und Gruppen, die sich seit Jahrzehnten für die Erinnerungsarbeit einsetzen, viel Sachverstand entwickelt haben: Diese Kompetenz wollen sie beisteuern - und nicht einem wissenschaftlichen Gremium überlassen.</P>

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