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„Historisch gesehen ist die Familie der Ursprung des Ensembles“: Nikolaus Paryla als Harpagon (re.) und David Paryla als Valère.

Premiere im Bayerischen Hof

Molières "Der Geizige": Ein bisschen Seifenoper

München - Nikolaus Paryla und Sohn David spielen im Bayerischen Hof Molières „Der Geizige“.

Schwindelerregend ist die Liste von Nikolaus Parylas Theater- und Film-/TV-Rollen – so viel und so viel Verschiedenes hat er gespielt, von Shakespeares Puck bis zu Marcus H. Rosenmüllers Papst Innozenz XIV., vom Landstreicher bis zu Sigmund Freud, von Goethes Mephisto bis zu Patrick Süskinds Kontrabassisten. Und dann seine Molières: Am Münchner Residenztheater war er 1979 unter Ingmar Bergman der „Tartüff“. Und es passt zu diesem Schauspielstar der alten Garde, dass er den heute kaum noch inszenierten großen Menschenkenner und Erfinder der schwarzen Komödie zurück auf die Bühne holt.

Nach seinem „Eingebildeten Kranken“ 2012 an der Münchner Komödie im Bayerischen Hof ist er, wiederum in eigener Regie, jetzt am selben Haus als der „Geizige“ zu erleben, zusammen mit seiner Frau Undine Brixner als Heiratsvermittlerin Frosine und seinem Sohn David als Valère. Das Familien-Trio erinnert an Molière, zu dessen Truppe ja seine Geliebte, die Schauspielerin Madeleine Béjart, und ihre zwei Geschwister gehörten, später die geehelichte junge Schauspielerin Armande.

„Historisch gesehen ist die Familie tatsächlich der Ursprung des Ensembles“, bemerkt Paryla, der auch die Textfassung erstellte: „Die Baudissin-Übersetzung habe ich wieder dem Original näher gebracht. Bei Molière, der ganz nah an den Leuten im Alltag war, ist die Sprache gar nicht so verstaubt verschnörkelt mit Wendungen wie ,potzblitz‘ und ,mich deucht‘.“

Die Handlung ist einfach: In seinem Geiz-Regiment will Harpagon seine Tochter Elise, die Harpagnons Hausverwalter Valère liebt, und seinen Sohn Cléante, der die mittellose Mariane liebt, an bejahrte reiche Kandidaten verheiraten. Mariane hat der Geizhals für sich selbst auserkoren. Als Cléante als Druckmittel die Geldkassette seines Vaters entwendet, rastet dieser aus. Ist so ein Stück noch aktuell?

Paryla vehement und idealistisch: „Die rücksichtslose Geldgier ist heute noch schlimmer... Wenn etwas so bösartig ist wie der Kapitalismus, wird es irgendwann in sich zusammenbrechen.“ Könnte Harpagons Habgier vielleicht ein Ersatz für Liebe und Sex sein? „In gewissem Sinn schon. Seine Frau ist früh gestorben. Er ist ja auch ein trauriger Mensch zwischen all seinen Scheußlichkeiten“, sagt Paryla nachdenklich.

Nach vielem Hin und Her kriegen sich am Schluss die beiden jungen Paare. Das sei schon ein bisschen Seifenoper, mischt sich David, Parylas Sohn aus zweiter Ehe mit der Opernsängerin Carla Paryla, ins Gespräch: „Ich bin in Rom aufgewachsen, habe dort Shakespeare, Goldoni, Pirandello, Anouilh gespielt, aber noch nie einen Molière.“ Dafür hat er, perfekt zweisprachig, viel Erfahrung im italienischen Fernsehen. Und hierzulande konnte man ihn in der ARD-Telenovela „Sturm der Liebe“ sehen.

„Das ist ein ganz anderes Arbeiten“, sagt der Junior. „Alles ist streng durchgeplant: so viele Minuten Maske, dann holt einen der Coach ab. Danach wird die Szene von etwa drei Minuten gefilmt, es ist immer ein Dialog. Den kurzen Text hat man ein, zwei Tage vorher gelernt. Man spielt alle Facetten einer Figur, aber nicht wie im Theater an einem Abend, sondern über zwei Jahre hinweg. Bei mehreren Jahren in einer Serie kommt es vor, dass die Darsteller im realen Leben mit ihrer TV-Figur eins werden“, lacht David.

Und wie spielt man einen Harpagon? „Seine ,Großeltern‘ sind natürlich die Harlekins, die Pantalones der Commedia dell’arte“, sagt Nikolaus Paryla. „Wir orientieren uns, wenn auch sehr dezent, an der traditionellen Darstellungskunst von Chaplin, Marcel Marceau, Fernandel oder Dario Fo. Es ist bei uns jedenfalls keine modernistische Spielweise. Bei meinem ,Eingebildeten Kranken‘ hieß es ,Paryla geht kein Risiko ein‘. Also müsste ich jetzt im ,Geizigen‘ als Bankbeamter auftreten, vor möglichst nackten Wänden? Das ist vielleicht interessant, aber ich habe keine Lust dazu! Übrigens kann in einem modernen Ambiente der Text sehr leicht altmodisch wirken.“

Behutsam wirft Sohn David ein: „Vielleicht können sich Zuschauer von heute eher mit Figuren in modernen Outfits identifizieren.“ Insgesamt merkt man ihm jedoch die Bewunderung für den Vater an. „Ich habe als Bub oft bei seinen Proben zugeschaut.“ Was in der Paryla-Dynastie – Ehefrauen, Brüder, Schwestern, Cousinen und Kinder waren/sind Schauspieler – schon Tradition hat, wie man von Nikolaus Paryla erfährt: „Mein Vater Karl Paryla mochte nicht, wenn ich ihm beim Textlernen oder Proben zuhörte. Irgendwie war er dann doch stolz darauf. Und natürlich hat man es in diesem Beruf leichter, wenn man in einer Schauspieler-Familie aufwächst.“

Von Malve Gradinger

Premiere am Mittwoch; Vorstellungen bis 11. April; Telefon: 089/ 29 16 16 33

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