Momente der Angst

- Am Anfang war die Rockmusik. Eigene Lieder, die nach Texten verlangten. Kaum mehr zu unterscheiden von Gedichten. Schließlich Erzählungen. Und endlich ist aus den Geschichten, die die Musik vielleicht schon erzählte, der erste Roman geworden. Oder wenigstens ein Kinderbuch. Olivier Adam hat die typische Biografie vieler männlicher Autoren, die nicht mit Literatur groß geworden und nicht von klein auf fürchterlich belesen sind. Die zuerst die Musik liebten, darüber die Sprache entdeckten und plötzlich dem Schreiben verfallen sind. Weil sie es gar so schön können. Wie der 31-jährige Adam, der in einem Vorort von Paris aufwuchs.

In Frankreich hat er bereits großen Erfolg. Und "Am Ende des Winters", eine Sammlung von Erzählungen, die der SchirmerGraf Verlag auf Deutsch herausbrachte, wurde dort zum Bestseller. Adams Geheimnis ist: Er fühlt die Melancholie des Realisten und leugnet doch nicht die Liebe des Idealisten. Er wippt lustvoll auf den brüchigen Stellen der Welt und lässt sich anschließend doch nicht in ihre Hohlräume fallen, sondern breitet rechtzeitig die Flügel inniger Menschlichkeit aus, um wegzufliegen. Wenigstens ein Stück bis zum nächsten sicheren Stück Boden.<BR><BR>"Silvester" zum Beispiel. Eine Frau besucht ihre verwirrte Mutter im Pflegeheim. Um anschließend den Jahreswechsel mit der Kollegin an der Kasse einer Tankstelle zu verbringen. Bis ein Unbekannter hereinschneit. Sie lässt sich von ihm für eine Liebesnacht ans Meer entführen.<BR><BR>Wenig passiert äußerlich in den kurzen Texten. Dafür finden innerlich Revolutionen statt. Wenn in "Wieder zurück" der ältere Bruder aus dem Knast entlassen wird und der jüngere sich sträubt, ihn zu begrüßen. Und dieser dann doch nachts hereinschleicht und sich an den älteren kuschelt. Wie Adam das beschreibt, ist weit weniger banal, als es sich in Kürze zusammenfassen lässt. Diese Momente der Angst und des Schmerzes weitet Adam unbarmherzig aus, bis er ihnen den Schrecken genommen hat, sodass sie sich fast angenehm vertraut anfühlen. Und plötzlich haben seine Helden wieder ein Gespür für ihre Mitmenschen bekommen.<BR><BR>Adam spielt auf einer Klaviatur von Gefühlsnuancen, und es scheint seine starke, unverkitschte Sensibilität zu sein, die die Geschlechtergrenzen in diesen Figuren sprengt. Mit Spannung kann man auf Adams Romane warten.<P>Olivier Adam: "Am Ende des Winters". SchirmerGraf Verlag, München, 156 Seiten; 17,80 Euro.</P><P> </P>

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