Momente großer Wahrhaftigkeit

- Manchmal gelingt das Kunststück, dass eine erstklassige Interpretation auch einem an sich zweitklassigen Stück noch Momente großer musikalischer Wahrhaftigkeit zu entlocken vermag. In der Philharmonie am Münchner Gasteig brachten Anne-Sophie Mutter und der Cellist Lynn Harrell in Ludwig van Beethovens so genanntem Tripel-Konzert solches zustande:

<P>Mit edlem Ton, großem Atem und nicht nachlassender Spannung warfen die beiden Streicher einander die "Bälle" zu, lediglich der Dritte im Bunde, Sir André´ Previn, gehörte mit zeitweise leicht schütter anmutendem Klavierspiel nicht zu diesem inneren energetischen Zirkel. Wenn Harrell im zweiten Satz zur dunklen Grundierung des London Philharmonic Orchestra zu innig-zarter Kantilene ansetzte, dann begann man ernsthaft zu bedauern, dass Beethoven kein Cello-Konzert geschrieben hat. <BR><BR>Hier wie in der vorangegangenen ersten Symphonie stand Kurt Masur für eine Sicht auf den letzten der drei Wiener Klassiker und ersten Romantiker, die sich ganz herleitet aus der spätromantischen deutschen Kapellmeistertradition: warmer, üppiger Streicherklang, Bläser eher als Färbung denn als Voranbringer des musikalischen Geschehens, ausgewogene, noble Klangbalance. <BR><BR>Solch in sich schlüssiger Ansatz gewann dem feuergeistigen symphonischen Erstling Aspekte mystizistischer Erhabenheit ab, lief dabei aber Gefahr, die revolutionär-aggressiven Züge des Stücks, seinen Freiheitsdrang zu verdunkeln. Auch in Dmitri Schostakowitschs genialer erster Symphonie anfangs fast zu viel Artigkeit. Spätestens aber die präzise abschattierten Seelenfinsternisse des Scherzos und der weit ausholende Trauergesang im langsamen Satz bewiesen, dass die Abgründe in Schostakowitschs Persönlichkeit lange schon existierten, bevor sie durch die stalinistische Bedrohung ganz ins helle Licht künstlerischen Ausdrucks gerieten.<BR></P>

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