Mond-Geheimnis

- Für einen kurzen Moment ist es völlig dunkel. Tiefschwarze Samttücher hängen an den Wänden des Ganges, der zu dem wohl spektakulärsten archäologischen Fund des letzten Jahrhunderts in Mitteleuropa führt - der Himmelsscheibe von Nebra. Verlässt man den Gang, fällt der Blick auf das wertvolle Exponat, das hinter dickem Glas in der Mitte des ansonsten leeren und ebenfalls abgedunkelten Raums aufgestellt ist. Halogenleuchten werfen stark gebündeltes Licht auf die Scheibe, die etwas größer als eine Schallplatte ist und über zwei Kilogramm wiegt. An der Decke über ihr leuchtet ein künstlicher Sternenhimmel.

Zweifelsfrei ist die Himmelsscheibe von Nebra die Hauptattraktion der Ausstellung "Der geschmiedete Himmel" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Doch sie ist nur eines von unzähligen archäologischen Beweisstücken, dass unsere Vorfahren schon vor 3600 Jahren, in der Bronzezeit, komplexe astronomische Beobachtungen in Mitteleuropa mit hoher Genauigkeit durchgeführt haben.

Mehr als 450 Exponate aus den bedeutensten bronzezeitlichen Sammlungen Europas haben die Mannheimer Kuratoren zusammengetragen. Sie geben Einblick in die geheimnisvolle Welt der rituellen Sonnenverehrung und Beobachtungen, aber auch in Bestattunggebräuche, das große handwerkliche Geschick der Menschen und ihre ausgedehnten Handelsbeziehungen.

Die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra glich einem Kriminalfall. Seit ihrem dubiosen Fund im Jahre 1999 bei dem kleinen Dorf Nebra in Sachsen-Anhalt wurden hitzige Prozesse wegen ihr geführt. Am Ende standen Verurteilungen wegen Hehlerei. Lange Zeit wurde zudem an ihrer Echtheit gezweifelt. Mittlerweile jedoch haben Archäologen um Ernst Pernicka von der Universität Tübingen mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden überzeugend nachweisen können, dass die Himmelsscheibe keine Fälschung und damit eine der ersten astronomischen Darstellungen der Menschheitsgeschichte ist.

Frühling in der Bronzezeit

Dass die Himmelsscheibe von Nebra nicht nur zur reinen Beobachtung gedient hat, sondern sogar zu Zeit-Berechnungen und damit als Kalender, hat jetzt eine Forschergruppe um Rahlf Hansen vom Planetarium in Hamburg herausgefunden. Die Wissenschaftler entschlüsselten über die geometrische Anordnung der Symbole auf der Scheibe eine wichtige Schaltregel, die es den Menschen ermöglichte das Sonnenjahr, das aus 365 Tagen besteht, und das Mondjahr mit 354 Tagen, in Einklang zu bringen.

Wenn im Frühlingsmonat, mit dem das Jahr in der Bronzezeit begann, eine Neulicht-Mondsichel bei den so genannten Plejaden am Himmel steht, dann ist dies ein Normaljahr. Steht in diesem Monat aber erst am dritten Tag der Mond bei den Plejaden, muss ein Schaltmonat eingefügt werden. Genau dieser Sachverhalt wird über die Dicke der Mondsichel auf der Scheibe dargestellt.

Dass die Himmelsscheibe und viele andere Funde der Bronzezeit, die in Mannheim nun ausgestellt sind, noch lange nicht alle Geheimnisse preisgegeben haben, unterstreicht Harald Meller, einer der Kuratoren der Schau. "Mit jeder geklärten Frage rund um die Ausgrabungen wurden bisher neue Fragen aufgeworfen, und das wird sich auch so schnell nicht ändern."

Bis 16. Juli, Zeughaus C 5, Di.- So. 11-18 Uhr, Tel. 0621/ 293 31 50;

Katalog, Theiss Verlag: 19 Euro;

Internet: www.reiss-engelhorn-museen.de.

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